„Streß mit der Liebe" am Kinder- und Jugendtelefon

„Er hat mich einfach sitzen lassen. Was soll ich denn jetzt tun?" „Also, mit Kondom, das ist blöd. Aber sie besteht darauf." „Wobei kann man denn nun Aids kriegen?"

Fragen über Fragen, die Kinder und Jugendliche rund um das Thema „Sexualität und Beziehung" beschäftigen - und die eine Antwort verlangen, so meinen zumindest die BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon sowie die BZgA, die jetzt ein gemeinsames Projekt zu diesem Thema auf den Weg bringen.

Um qualifizierten und individuellen Rat bemühen sich derzeit 1500 zumeist ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Kinder- und Jugendtelefone". Beinahe die Hälfte aller bei den 74 bundesweit arbeitenden Telefonen eingehenden Anrufe (47,6 Prozent) bezieht sich auf das Thema Sexualität und Liebe. Differenzierte Antworten zu finden, ist auch für die pädagogisch und fachlich geschulten Ehrenamtlichen nicht immer ganz einfach. Denn allgemein verbindliche Rezepte für Beziehungsverhalten gibt es nicht. Statt dessen ist das aufmerksame Hinhören und der analytische Blick auf das konkrete Problem, auf die spezielle soziale oder kulturelle Situation der Anrufenden gefordert.

Setzt die Gesprächssituation am Telefon ohnehin schon viel Fingerspitzengefühl voraus, verlangt das Thema Sexualität einmal mehr fundiertes Fachwissen und die Souveränität der Mitarbeiter/-innen. Es gilt zuallererst die eigenen Grenzen zu erkunden, die eigene sexuelle Sozialisation zu reflektieren: Wie reagiert man angemessen auf tatsächliche oder vermeintliche Normverletzungen? Wo hört die Toleranz auf? Wo liegen die eigenen Hemmungen?

Der Umgang der Jugendlichen mit Sexualität ist dem historischen Wandel unterworfen. So müssen sich die Ehrenamtlichen auch immer wieder auf neue Sprachformen der Heranwachsenden einstellen. Um Ratgebenden und Ratsuchenden besser gerecht werden zu können, führt die in Wuppertal ansässige BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon (BAG) - gefördert von und in Kooperation mit der BZgA - das Projekt „Sexualität und Beziehungen von Jugendlichen" durch. Durch diese Zusammenarbeit hat sich für die BZgA die Möglichkeit eines schon bestehenden und unmittelbaren Zugangs zur Zielgruppe für die Sexualaufklärung eröffnet. Denn im Gespräch können die Probleme der Jungen und Mädchen naturgemäß individueller, konkreter und tiefgreifender angegangen werden als es etwa über eine Broschüre möglich ist. Das Ziel der BAG ist die Qualitätssicherung und -verbesserung der Arbeit in diesem Projekt. Der Themenkomplex „Sexualität und Beziehung" macht - wie viele andere - die Kooperation und den Ausbau des Austausches mit Fachleuten und Beratungsstellen vor Ort notwendig. Die BAG setzt auf den persönlichen Kontakt zwischen den Beraterinnen und Beratern der Telefone und denen etwa von Pro Familia. Die genaue Kenntnis der dortigen Arbeitsweise ist wichtig, wenn es darum geht, ein ungewollt schwangeres Mädchen am Telefon auf praktische Hilfsangebote hinzuweisen. Und nicht zuletzt zielt das Projekt darauf ab, noch mehr Jungen und Mädchen durch eine thematische Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen als bisher.

Für weitere Informationen steht Dagmar Saurwein (Projektleiterin) gerne jederzeit zur Verfügung. Zielgruppengerechte Materialien zum Projekt „Sexualität und Beziehungen von Jugendlichen" werden Anfang nächsten Jahres vorliegen. Unterlagen, Informationen und give aways zum Kinder- und Jugendtelefon sind natürlich ab sofort unter folgender Adresse erhältlich:

Deutscher Kinderschutzbund
BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon e.V.
Buchenstr. 6

42283 Wuppertal

Telefon (0202) 280 12 86
Telefax (0202) 280 12 88

Tabelle 1 Problembereiche 1995

Fast die Hälfte der Beratungsgespräche befaßt sich mit Problemen in der Partnerschaft und Freundschaft, die von der „ersten großen Liebe" bis zum sexuellen Mißbrauch reichen. Ein Drittel der Anrufe beinhaltet persönliche und familiäre Schwierigkeiten.

Tabelle 2 Entwicklung der Anrufzahlen

Die „Nummer gegen Kummer" wird besonders stark von Jugendlichen in der Pubertät genutzt. Dabei überwiegen immer noch deutlich die weiblichen Anrufer, obwohl sich der Prozentsatz von Jungen in den letzten Jahren erhöht hat.

Tabelle 3 Altersstruktur der Anrufenden

1989 begann die BAG eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit, um die Bekanntheit der „Nummer gegen Kummer" zu erhöhen. Seitdem hat sich die Zahl der Anrufe fast vervierfacht.

Die „Nummer gegen Kummer" Das Kinder- und Jugendtelefon bietet ein niederschwelliges, offenes Gesprächsangebot für Heranwachsende bei allen Fragen, Problemen und Notlagen. Es ist derzeit bundesweit unter der einheitlichen Rufnummer 0130-8-11103 zu erreichen. In vielen Orten - meist großen Städten - kann die zeittaktbefreite Sonderrufnummer 11103 angewählt werden. Jedes Gespräch, gleich wie lange es dauert, kostet dann nur eine Gebühreneinheit.

Die Mitarbeiter/-innen des Kinder- und Jugendtelefons sind dem Grundsatz der Anonymität verpflichtet sowie der Achtung der Persönlichkeit. Das Ziel ist die „Hilfe zur Selbsthilfe" und die Unterstützung durch weiterführende Hilfsangebote, das heißt Vermittlung an Fachleute, Beratungsstellen und andere Institutionen. Die Ehrenamtlichen qualifizieren sich durch eine Aus- und ständige Weiterbildung sowie praxisorientierte Supervision.

Die BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon e.V. ist die Dachorganisation der Telefone und ist ihrerseits Mitglied des Deutschen Kinderschutzbundes.

Autoren

Beate Friese
 

Beatrix Reinert
 

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.