Sexualpädagogische Mädchenarbeit

Die sexualpädagogische Arbeit mit Mädchen ist das Thema einer Expertise, die im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erstellt und jetzt veröffentlicht wurde. Die Autorin Gabriele Bültmann ist Mitarbeiterin des „forum sexualpädagogik e.V." und arbeitet u.a. seit Anfang der 80er Jahre in den Bereichen Mädchenarbeit, Medien- und Sexualpädagogik.

Mädchenarbeit und Sexualpädagogik

Ganz generell will Mädchenarbeit - ob parteiliche, emanzipatorische oder feministische - verstanden sein als Prinzip. Mädchenarbeit in diesem Sinne ist nicht an spezielle Themen gebunden, sondern fördert Mädchen in allen Lebensbereichen. Sie beinhaltet neben den Bereichen der beruflichen Orientierung, der Lebensplanung und der Auseinandersetzung mit den (gesellschaftlich geforderten) Geschlechtsrollen immer auch die Beschäftigung mit Sexualität. Insofern gehören zur parteilichen Mädchenarbeit - wenn auch nicht immer explizit - sexualpädagogische Inhalte. Diese sind integraler Bestandteil eines „Gesamtkonzepts Mädchenarbeit" mit dem Ziel der Gleichberechtigung und -behandlung von Mädchen und Frauen in unserer Gesellschaft. Bei den vorwiegend sexualpädagogisch arbeitenden Einrichtungen steht die umfassende Auseinandersetzung mit der Sexualität im Mittelpunkt der Arbeit. Die Integration geschlechtsdifferenzierter Ansätze in die Sexualpädagogik erfolgt bei den meisten Trägern erst seit den späten 80er Jahren.

Diese unterschiedliche Herangehensweise an das Thema Sexualität und ihre Auswirkungen auf die konkrete wie konzeptionelle sexualpädagogische Arbeit mit Mädchen war auch Thema in dem Workshop „Mädchenarbeit" im Rahmen der 1. Europäischen Fachtagung und Projektmesse der BZgA „learn to love. Sexualaufklärung für Jugendliche" in Köln im November 1994. Hier wurde deutlich, daß mittlerweile zwar eine unüberschaubare Anzahl von Aktivitäten, Projekten und Programmen der Mädchenarbeit zu dem Thema Sexualität existiert, diese aber nur selten dokumentiert werden. Die Verbreitung des Wissens über diese Aktivitäten ist dementsprechend gering und eine Vernetzung der Pädagoginnen bislang nicht erfolgt.

Der Workshop zeigte auch, daß weder das Bedürfnis nach dem Austausch über sexualpädagogische Mädchenarbeit befriedigt wird, noch die notwendige Auseinandersetzung über spezifische Ziele und Inhalte stattgefunden hat. Darüber hinaus wurde deutlich, daß nur selten sexualpädagogische Konzepte für die Mädchenarbeit entwickelt werden und spezifische Zielgruppen, wie z. B. lesbische Mädchen oder auch Mädchen anderer Nationalitäten, kaum Berücksichtigung finden.

Inhalt und Zielsetzung der Untersuchung

Die im Frühjahr '95 durchgeführte Expertise „Sexualpädagogische Mädchenarbeit" ist daher zu verstehen als eine möglichst breite Erfassung von Aktivitäten in diesem Arbeitsfeld. Ihr liegt eine Befragung von 308 Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland zugrunde. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, u. a. auch, weil es keine umfassende Zusammenstellung aller mit Mädchen arbeitenden Einrichtungen und Verbände gibt. Dennoch können die Ergebnisse als Trendaussagen oder Tendenzen verstanden werden. Im Mittelpunkt der Expertise steht die Erfassung der Rahmenbedingungen, der Zielgruppen und der thematischen Schwerpunkte der sexualpädagogischen Mädchenarbeit. Die Angaben der befragten Mitarbeiterinnen werden nicht kommentiert oder hinsichtlich eines zugrundeliegenden sexualpädagogischen Konzeptes untersucht. Eine Bewertung der zum Teil mitgelieferten Anlagen (Programme, Konzeptionen etc.) zu den ideologischen wie auch pädagogisch-psychologischen Prämissen der Einrichtungen wird ausdrücklich nicht vorgenommen. Wesentliche Ziele der Expertise sind darüber hinaus die Dokumentation der Bandbreite sexualpädagogischer Mädchenarbeit bei den verschiedenen Trägern und Verbänden sowie ein vorläufiger Vergleich der Situation von Mädchenarbeit in den neuen und alten Bundesländern.

Zur Situation der Mädchenarbeit

Mädchenarbeit beinhaltet immer auch die Thematisierung von Sexualität im allgemeinen und der weiblichen Sexualität im besonderen. Allerdings stand und steht häufig die Problematik des sexuellen Mißbrauchs von Mädchen und der sexuellen Gewalt an Mädchen im Zentrum der Konzepte sowie der Praxis von Mädchenarbeit. Erst seit Anfang der 90er Jahre finden auch verstärkt die Themenbereiche, die den lustvollen Aspekt der Sexualität betonen, Eingang in die Arbeit mit Mädchen.

Nicht nur die klassischen Einrichtungen und Träger von Mädchenarbeit haben sich auf diesen Weg begeben. Selbst die Sexualberatungsstellen, wie z. B. Pro Familia, die bereits seit vielen Jahren sexualpädagogisch und zum Teil auch geschlechtsspezifisch arbeiten, überdenken und überarbeiten kontinuierlich in ihren Facharbeitskreisen die Konzeption geschlechtsspezifischer Sexualpädagogik ihres Verbandes. Im Zuge dieser Aktivitäten emanzipieren sich viele Mitarbeiterinnen von der offiziellen Ideologie ihrer Träger und tragen ihre Arbeit verstärkt in die Öffentlichkeit. Die Initiativen und Aktivitäten in der sexualpädagogischen Mädchenarbeit laufen jedoch nach wie vor recht isoliert. Kaum ein Verband weiß von den Aktivitäten der anderen Träger. Bereits innerhalb der Bundesländer ist die Vernetzung unzureichend, erst recht auf Bundesebene. Die Kontinuität der Entwicklung und Erprobung von Konzepten ist nicht gegeben, weder innerhalb einzelner Verbände noch verbandsübergreifend. Sexualpädagogische Arbeit vor Ort findet vor allem im „verborgenen" statt.
Folgerungen aus der Expertise

Die sexualpädagogische Mädchenarbeit weist noch viele blinde Flecken und Tabuthemen auf. So hat diese Expertise auch gezeigt, daß das Thema „lesbische Liebe und Sexualität" so gut wie nicht vorkommt (außer in speziellen Frauen- und Mädchenprojekten oder den entsprechenden Beratungszentren, in denen explizit Lesben arbeiten). Damit einhergehend ist die Zielgruppe der lesbischen Mädchen nicht im Bewußtsein und Blickfeld der Mitarbeiterinnen und wird in der Arbeit nicht oder kaum berücksichtigt. Die Integration des Themas lesbische Liebe und Sexualität sowie die Einbeziehung lesbischer Mädchen und derer, die sich ihrer sexuellen Orientierung noch unsicher sind, ist im Zuge der Bekämpfung sexueller Diskriminierung und Benachteiligung von homosexuellen Frauen und Männern absolut unerläßlich.

Auch junge Mädchen anderer Nationalitäten werden bislang als Zielgruppe sexualpädagogischer Arbeit nicht genügend berücksichtigt. Konzepte, die speziell auf die Situation z. B. türkischer bzw. muslimischer Mädchen abgestimmt sind, existieren nicht. Notwendig ist die Entwicklung solcher Konzeptionen, welche die Nationalität, die religiöse Kultur und die Lebensbedingungen von Migrantinnen berücksichtigen.

Kritisch reflektiert werden muß die starke Betonung des Gewaltaspekts in vielen (sexualpädagogischen) Konzepten der Mädchenarbeit. Die selbstbestimmten, lustvollen Seiten von Sexualität müssen mit den Schattenseiten in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden.

Die Basis, um die Defizite in der sexualpädagogischen Mädchenarbeit auszugleichen, ist die Qualifizierung der Mitarbeiterinnen. Dabei sind die Reflexion und die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität wichtiger als das Erarbeiten methodisch-didaktischer „Kniffe". Die Kompetenz und Motivation, eigene Schwächen und Stärken erkennen zu können und von den Bedürfnissen und Ängsten der Mädchen zu trennen, ist dafür elementare Voraussetzung.

Ein weiteres Manko ist die nur vereinzelt geführte Auseinandersetzung zwischen Mädchenarbeiterinnen und Sexualpädagoginnen. Auf beiden Seiten lassen sich Vorurteile, Mißtrauen und Konkurrenz ausmachen, die einer fruchtbaren Verbindung beider Ansätze und Konzepte im Wege stehen. Das Zementieren von Meinungen wie „Sexualpädagoginnen sind keine Feministinnen" und „feministische Mädchenarbeiterinnen sehen überall nur Gewalt" ist längst überholt. Die Basis für eine Revidierung dieser Positionen ist allein der Austausch, der konstruktive Streit und die Bereitschaft, Vorbehalte zu überprüfen (z. B. in Kooperationsmodellen) und die Arbeit beider Seiten letztendlich an den Erfordernissen der Ziele und Zielgruppen zu orientieren.

Für die sexualpädagogische Mädchenarbeit gibt es kein Rezept. Sie muß genauso vielfältig sein wie die Mädchen selbst. Dennoch sollte ein sexualpädagogisches Konzept Standards enthalten, die sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzen und auf die verschiedenen Zielgruppen hin modifizieren lassen. Diese Standards müssen die geschlechtsspezifischen Besonderheiten von Mädchenarbeit berücksichtigen, das Informations- und Orientierungs-

bedürfnis der Mädchen ernst nehmen, den Blick für gesellschaftliche Bedingungen von Macht und Sexualität schärfen, sich für die Akzeptanz aller denkbaren sexuellen Lebensweisen einsetzen und die Entwicklung einer selbstbestimmten und lustvollen Sexualität unterstützen.

Die Expertise wurde in der Fachheftreihe „Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung" als Band 5 veröffentlicht und ist unter der Best.-Nr. 13300005 bei der BZgA, 51101 Köln, kostenlos erhältlich.

Autorin

Gabriele Bültmann
 

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.