Jugendkulturen und Körpersprache
Für Jugendliche sind Körpersprache und -gestaltung von besonderer Relevanz, um in einer individualisierten Gesellschaft Identität und Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren. Weil in den Arbeitsverhältnissen der Dienstleistungsgesellschaft körperliche Kraft keine Rolle mehr spielt, wird traditionelle Männlichkeit in den überwiegend männlich dominierten Jugendkulturen der Skinheads, Hooligans, Migranten- und Neonazi-Gangs ausgelebt.
„Alle Menschen sind gleich." Eine tolle Utopie. Allerdings mit unerwünschten Nebenwirkungen. Abgesehen davon, dass manche Mitbürger - etwa die unverhältnismäßig hoch bezahlten Manager großer Konzerne - immer noch „gleicher" sind als andere, erodieren soziale Milieus, Schichten oder Klassen zusehends. Die große Mehrzahl der Menschen (sofern sie Arbeit hat) sitzt in Büros, vor Computern, arbeitet in der größten Wachstumsbranche, dem Dienstleistungsgewerbe. Alle Menschen sind (fast) gleich.
Doch wollen wir das wirklich? So sein wie Nachbarin Müller und Lehrer Meier, die eigenen Eltern oder die Alpha-Männchen in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt"? Wohl kaum. Doch was tun, wenn Standes- und andere, von außen und traditionell definierte Grenzen nicht mehr existieren? Der Rückzug auf die letzte Bastion der individuellen Selbstgestaltung ist angesagt: den Körper. Die bewusste Selbstinszenierung des Körpers als Visitenkarte des eigenen Ich wird gesamtgesellschaftlich und für alle Generationen immer wichtiger. Wer sich eindrucksvoll davon überzeugen will, möge sich einfach um die Mittagszeit bei RTL, SAT.1 oder Pro 7 zu Britt, Oliver, SAM, Vera usw. in die Kulissen setzen und kann dort die gesamte Vielfalt heutiger Körpergestaltungsoptionen bestaunen.
Jugendliche gehen naturgemäß weiter als Erwachsene - Grenzen sprengen, um Grenzen zu erkennen, ist ihr Privileg; sie haben zudem vor den Erwachsenen einen einmaligen Vorsprung: Sie entsprechen in Zeiten eines ausufernden Jugendkultes von Natur aus dem Ideal, müssen sich nicht erst durch Styling „verjüngen", und sie sind körperlich fitter: Techno-Raves, Ollis auf dem Skateboard, Black-Metal-Konzerte oder auch Hooliganismus funktionieren über 30 nicht mehr so gut ...
Jugendkulturelle Stämme im Zeitalter der Individualisierung
Die Zahl der Jugendkulturen explodierte in den späten 1970er, frühen 1980er Jahren - exakt in dem Moment, in dem der Prozess der „Individualisierung" seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. „Individualisierung" bedeutet Vielfalt, aber auch die Notwendigkeit, sich in einer zunehmend komplexeren, chaotischeren, widersprüchlicheren Welt eigenständig zurechtzufinden, aus der Fülle an Identitäts- und Lebensstilangeboten sein „eigenes Ding" herauszufiltern, sich seine eigene Umwelt inklusive verbindlicher Beziehungen und Freundeskreise selbst zusammenzustellen. Jugendkulturen befriedigen dieses Bedürfnis nach temporären Beziehungsnetzwerken, sie bringen Ordnung und Orientierung in die überbordende Flut neuer Erlebniswelten. Künstliche Grenzziehungen halten die verwirrende Außenwelt auf Distanz und schaffen zugleich unter den Gleich-gesinnten und -gestylten der eigenen Szene ein Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit. Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, gehören von einem Tag zum anderen durch den Anschluss an ein Zeichenensemble, eine Veränderung ihrer Haare, eine knapp über den Kniekehlen sitzende Hose, einer Sinn-Gemeinschaft an. Körpersprache ersetzt die verbale Kommunikation beziehungsweise entscheidet vorab, mit wem ein Gespräch überhaupt sinnvoll erscheint, macht lange Prozesse der Vorsicht, des Abtastens, überflüssig. Dadurch, dass sie sich ähnlich machen, finden binnen Sekunden die Kurz- oder Langhaarigen, die Bunten oder die Schwarzen soziale Zugehörigkeit.
Der Körper als Performance-Raum
Jugendkulturen sind Körperkulturen. Für die Angehörigen der jugendkulturellen Stämme bedeutet der Körper mehr als die naturgegebene Basis für ein oberflächliches Repertoire an Verhaltensweisen und Kostümierungen. Für sie stellt er einen komplexen Performance-Raum dar, ein hoch differenziertes semantisches System, das der Außenwelt, so sie denn in der Lage ist, den Code zu entschlüsseln, von den persönlichen Ideen und Träumen, vom Selbstbewusstsein und Wissen seiner Trägerinnen und Träger erzählt.
Arroganz und Offenheit, Introvertiertheit und Kontaktfreude, Aggressivität und sexuelle Orientierung und vieles mehr drücken sich in der Körpersprache aus: in der Haltung der Hände und der Art des (Nicht-)Lächelns ebenso wie in der Auswahl der Tätowierungen (ein strahlendes Clownsgesicht - kindlich-naiv oder bösartig? Eine bluttriefende Axt, ein Peace-Zeichen, ein Kreuz - aufrecht oder auf den Kopf gestellt? Ein Hakenkreuz?). Der Körperstil buhlt um Aufmerksamkeit oder will unangenehme Aufmerksamkeit von seinem Träger ablenken, signalisieren: Ich bin nur ein ganz normaler, harmloser, garantiert nicht aus meiner Rolle fallender, braver Bürger.
Ob Skinheads oder Punks, HipHop- oder Techno-Fans, Gothics oder Skateboarder - Musik und Mode sind zentrale Identifikationsfaktoren fast aller gegenwärtigen Jugendkulturen. In ihrer Leidenschaft für Musik unterscheiden sich die rund 20 bis 25% jeder Generation, die sich Jugendkulturen anschließen, nicht von den anderen Gleichaltrigen (erst ab Mitte 20 wird Musik für die meisten Menschen zunehmend unbedeutender), im Stellenwert der Mode unterscheiden sie sich auch kaum von der Erwachsenenwelt. Allerdings läuft der Prozess der visuellen Präsentation bei Jugendlichen bewusster als bei Älteren, und während Mode und die gesamte Körpergestaltung bei uns „Stinos" („Stinknormalen") vor-rangig das Ziel verfolgt, uns bei einer möglichst großen Zahl von Mitbürgern als attraktiv, sympathisch und anpassungsfähig erscheinen zu lassen, verfolgt der Körperstil der jugendlichen Szene-Angehörigen das gegenteilige Ziel: Er soll ihnen Respekt und Attraktivität innerhalb des eigenen Stammes verleihen, den langweiligen, spießigen Rest der Welt jedoch auf Distanz halten.
Dabei hat jede Jugendkultur ihre eigene Weise entwickelt, dieses Ziel zu erreichen, ihre Szene-Identität in Körpersprache zu übersetzen. Da fast alle Jugendkulturen männlich dominiert sind, wird in diesem Zusammenhang die hohe Bedeutung des Geschlechtes offensichtlich.
Körper und Geschlecht
Männer des 21. Jahrhunderts haben es wirklich schwer. Das Einzige, was sie Zehntausende von Jahren über die Frauen gestellt hat - ihre Körperkraft - ist nicht mehr gefragt. In Zeiten, in denen die Mehrzahl aller zu verrichtenden Arbeiten von computergesteuerten, vollautomatischen Maschinen erledigt wird und zwei Drittel aller Arbeitnehmer in „Weiße-Kragen"-Branchen beschäftigt sind, wird der „kleine Unterschied" bedeutungslos. Selbst die letzten Bastionen der Männlichkeit - Bundeskanzleramt, Militär und Fußball - sind gefallen.
Das Gesellschaftssystem, in dem wir leben, bietet einem Teil der Männer einen adäquaten Ersatz für die unnütz gewordene Körperkraft: Macht. Doch nicht alle können daran partizipieren. Die Machtlosen haben verschiedene Möglichkeiten, die Gefährdung ihrer Männerrolle (Ernährer, Beschützer) zu kompensieren. Eine Variante ist die demonstrative Inszenierung von Männlichkeit. Gewalt, aber auch andere risikobehaftete Lebensweisen, zum Beispiel der Diebstahl eines PKWs, extrem gefährliches Fahren, exzessiver Alkohol- und anderer Rauschmittelkonsum in kürzester Zeit, sind „Beweise" für Männlichkeit. Je knapper die ökonomischen, sozialen und Bildungsressourcen, desto mehr scheint sich die Installation von Männlichkeit auf Risiko- und Kampfbereitschaft, Gewalt- und andere Kriminalität - auf den Einsatz und die Inszenierung des eigenen Körpers zu reduzieren.
Hooligans, Extremsport, U-Bahn-Surfen, Migranten- und Neonazi-Gangs sind, so gesehen, hinter den Kulissen verschiedene Facetten des immergleichen Bildes: Rituale zur Inszenierung traditioneller Männlichkeit, Formen des männlichen Körpererlebens. So sind etwa Hooligans durchaus gewaltbereit und -tätig, doch bei ihren Aktionen geht es weniger um den realen Schlagabtausch, der ohnehin bestenfalls wenige Minuten dauert, bis die Polizei als eingeplanter Ringrichter dazwischenfährt. „Hooliganschlachten" sind im Kern ritualisierte Schaukämpfe. Hier versuchen männliche Großstadtjugendliche auf traditionelle Art, Körpergrenzen zu sprengen, das Ende ihrer Jugendphase hinauszuzögern.
Spielen für Hooligans Marginalisierungserfahrungen und -bewusstsein keine Rolle, fühlen sich neonazistische Gewalttäter dagegen in der Regel als Verlierer und Opfer der Gesellschaft. Sie haben es - aus vielen Gründen, die zu erläutern den Rahmen dieses FORUM sprengen würde - nicht geschafft, ein gelassenes Selbstbewusstsein, individuelle Stärke zu entwickeln, und kompensieren ihre Schwächen durch extreme Härte sich selbst und anderen Menschen gegenüber. Sie brauchen Feindbilder zur Stabilisierung ihrer eigenen Persönlichkeit.
Dieser Kampf um die Männlichkeit richtet sich vor allem gegen andere - schwächere - Männer, die zur Wertsteigerung der eigenen Person herabgesetzt, ausgegrenzt oder zu Feindbildern erklärt werden. Frauen spielen in diesem Wettkampf zwischen bedrängten Männlichkeiten keine oder eine nur untergeordnete Rolle. Selbst wenn der Anlass der aggressiven Selbstinszenierung die Konkurrenz auf dem (heterosexuellen) Sex- und Beziehungsmarkt sein sollte, geht es zumeist doch vor allem darum, das Objekt der Begierde nicht einem anderen Mann zu überlassen, einem männlichen Konkurrenten wegzunehmen, den männlichen „Kameraden" durch das Erobern und Beschützen der Frau (ob sie es will oder nicht) zu beweisen, dass man ein „richtiger Mann" ist. Das Ziel der eigenen Attraktivität, und damit auch die Ausrichtung der eigenen Körpergestaltung, ist nicht der mögliche weibliche Blick, sondern der des männlichen „Kameraden".
Das Gegenbeispiel zu Hooligans, Skinheads, Neonazis und anderen männlichen Gang-Kulturen sind die Gothics, die einzige in Europa existierende Jugendkultur, in der Mädchen und junge Frauen ausgeglichen repräsentiert sind. Keine andere Jugendkultur, nicht einmal Techno, inszeniert sich und ihre Körper mit so viel Ausdauer, Freude und Lust wie die melancholischen Geschwister der Punks. Keine andere Szene präsentiert sich so offen erotisch aufgeladen: Seitdem Szene-Bands wie Umbra et Imago oder Die Form ihre Zugehörigkeit zur S/M-Szene offen auf die Bühnen trugen, avancierte Fetischmode zur gängigen Streetwear der Gothics. Außenstehende empfinden den Stil der Schwarzen häufig als Provokation. Und das, obwohl Gothics selbst in großen Gruppen in der Regel eher stille, introvertierte Wesen sind, die sich weder prügeln noch öffentlich lautstarke Gesänge oder Parolen anstimmen. Doch ihre schwarze Ästhetik wirkt inmitten der bunten Vielfalt der Warenwelt wie ein störender Schmutzfleck; sie widersprechen allein durch ihre androgyne Präsenz den gängigen Jugend-, Schönheits- und Körperbildern. Sie wirken alt(ertümlich), konfrontieren uns passers-by mit der Vergänglichkeit des Lebens und unterlaufen damit subversiv - nicht aggressiv - die Verdrängungssehnsüchte der Gesellschaft.
Wo Jugendkulturen sind, ist die Industrie nicht fern.
Natürlich ist der Körperstil von Jugendlichen, sind ihre Szenen kein wirklich autonomes Produkt. Sie leben schließlich nicht in einem Vakuum, sondern sie wachsen in bestimmten sozialen Verhältnissen auf, sie wurden gleichgültig, autoritär, gewalttätig oder, wenn sie Glück hatten, liebevoll-kompetent erzogen, verschult, ausgebildet. Sie wachsen weiter in eine Gesellschaft hinein, in der alles zur Ware werden kann und der Grad der Fähigkeit zur Teilhabe am Konsum über den Marktwert eines Menschen entscheidet. Aus der Perspektive vieler Jugendlicher hat dieser Prozess allerdings nicht nur negative Auswirkungen - und spätestens mit der Pubertät rückt er sogar in den Mittelpunkt ihres Seins. Denn von nun an erfüllt der Markt einen Großteil ihrer Bedürfnisse: Die Industrie liefert ihnen die Musik, die Partys und anderen Events, die Mode. Und letztlich auch über die Jugendkulturen Identität.
Jugendkulturen sind grundsätzlich auch Konsumkulturen. Sie wollen nicht die gleichen Produkte konsumieren wie der Rest der Welt, sondern sich gerade durch die Art und Weise ihres Konsums von dieser abgrenzen; doch der Konsum von Musik, Mode, Events ist ein zentrales Definitions- und Identifikationsmerkmal von Jugendkulturen. Das bedeutet auch: Wo Jugendkulturen sind, ist die Industrie nicht fern. Dennoch sind Jugendkulturen zumindest für die Kernszene-Angehörigen vor allem ein Ort des eigenen Engagements. Wer wirklich dazugehören will, muss selbst auf dem Skateboard fahren, nicht nur die „richtige" teure Streetwear tragen, selbst Graffiti sprühen, nicht nur cool darüber reden, selbst Musik machen, nicht nur konsumieren. Es sind Minderheiten, doch die Angehörigen der Jugendkulturen sind die opinion leader ihrer Generation. Die Mehrzahl der Jugendlichen umschwirrt die Szenen als bloße Konsumenten und eifert in ihrer Körpergestaltung und -sprache lediglich den kommerziell präsentierten Idolen der Jugend(sport-, musik-)kulturen nach: Aussehen wie Star X. Und doch: Würden sie nicht grundlegende Bedürfnisse erfüllen, würden die Marktstrategien der Industrie nicht funktionieren.
No risk, no fun.
Den Körper herauszufordern, „zu spüren, dass man noch lebt", ist eine der spannendsten Herausforderungen in einer großstädtischen, bürokratisierten Welt, in der man gegen alles präventiv versichert ist und reale Risiken scheinbar nicht mehr existieren. So inszenieren Jugendliche sich den notwendigen Kick eben selbst: „Ich brauche immer einen Kick. Jeder Jugendliche hat das. Das gehört zum Leben dazu. Ein Kick ist gefährlich, etwas Heimliches oder Verbotenes. Das Herz muss einem in die Hose rutschen, man fängt an zu zittern oder kriegt Schweißausbrüche oder das Herz fängt an total zu klopfen, der Puls ist auf 500. Lebensgefährlich muss es sein. Ich muss wissen, dass da irgendwas passieren kann. Aber trotzdem muss ich auch wissen, dass das sicher ist, dass da nix so schlimm ist, dass es tödlich enden kann oder dass das meinen Rest des Lebens verändert. Wenn Jugendliche keinen Kick haben, kosten sie ihr Leben gar nicht aus. Was sollen sie denn später erzählen?" (Julia, 15, in: Tuckermann/Becker, S. 9f.) Aufregend soll es sein, aber letztendlich doch eine Inszenierung wie beim Bungeejumping, ein (Rollen-)Spiel, das es (pubertierenden) Jugendlichen ermöglicht, aus der für sie vorgesehenen Rolle zu fallen, nicht mehr Kind, sondern Vamp, nicht mehr brave Schülerin, sondern „bitch" oder „Schlampe" zu sein. Die 13-Jährige mit dem „Ich bin eine Schlampe"-T-Shirt oder dem bauchnabelfreien Top signalisiert scheinbar sexuelle Verruchtheit und will in der Realität eher kuscheln und reden. Doch mit dem trotzigen (sexualisierten) Outfit hält sie sich die Utopie offen, eines Tages doch Vamp statt treu sorgende Hausfrau, Popstar wie Madonna oder Britney Spears statt Arzthelferin zu werden - zumindest für eine kurze Saison.
Literatur
Farin, Klaus (2001): generation-kick.de. Jugendsubkulturen heute. C.H. Beck, München
Farin, Klaus/Neubauer, Hendrik (Hrsg.): artificial tribes. Jugendliche Stammeskulturen in Deutschland. Tilsner, Bad Tölz/Berlin 2001
Farin, Klaus (2006): Jugendkulturen in Deutschland. Band 1: 1950-1989. Bundeszentrale für politische Bildung, Reihe „Zeitbilder", Bonn
Tuckermann, Anja/Becker, Nikolaus (1999): Horror oder Heimat? Jugendliche in Berlin-Hellersdorf. Tilsner/Archiv der Jugendkulturen, Bad Tölz/Berlin, S. 9f.
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