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Homosexuelles Coming-out und HIV-Prävention

Die Broschüre „Unser Kind fällt aus der Rolle" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung¹

Wir können viel voneinander lernen!

Liebe Eltern! Ich bin homosexuell. Nehmt es hin, nehmt mich hin, wie ich bin. Lasst mir meine Sexualität, meine Gefühle, meine Liebe. Und seht auch alles andere an mir, denn ich bin ein Mensch mit vielen Seiten.
Versteht mich nicht falsch, ich will euch nicht drängen, etwas gutzuheißen, das ihr noch nicht gutheißen könnt. Ich bitte euch nur, nicht die Augen zu verschließen und mir zuzuhören. Wir haben Zeit, uns einander zu nähern. Ich möchte, dass wir uns besser verstehen lernen und nicht unnötig wehtun.
Es gibt so viel für uns aneinander zu entdecken, voneinander zu lernen, miteinander zu erleben und miteinander zu teilen.
Ich freue mich auf ein Leben in eurer Nähe.
Euer Kind²

Die HIV/Aids-Präventionskampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Seit 1987 ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit der Durchführung der HIV/Aids-Präventionskampagne „Gib Aids keine Chance" beauftragt. In dieser Kampagne, die auf Nachhaltigkeit angelegt ist (Strategie des „sozialen Lernens"), konnten von Beginn an die heute weltweit als wirksam anerkannten Grundsätze effektiver HIV-Prävention umgesetzt und ein komplexes, synergetisches System von Medien und bundesweit wirksamen Maßnahmen implementiert werden. Dies gilt insbesondere für die bis Mitte der Neunzigerjahre andauernde Aufbauphase, in der in großem Umfang Medien und Maßnahmen realisiert werden konnten, die (fachlich begründet) weit über bloße (und nicht per se wirksame) Informationen mit engem Fokus auf HIV/Aids hinausgingen.

Männer, die mit Männern Sex haben (MSM): zentrale Zielgruppe in der HIV-Prävention

Seit Beginn der HIV-Epidemie sind in Deutschland, wie auch in den meisten west- und mitteleuropäischen Ländern, Männer, die mit Männern Sex haben (MSM, „Men who have Sex with Men"), eine Hauptgefährdeten- und damit auch (um zunächst in der üblichen Präventions-Terminologie zu bleiben) eine „Hauptzielgruppe". MSM umfassen aber weit mehr als die häufig (und kurzschlüssig) darunter verstandenen „schwulen" oder „bisexuellen" Männer. Auch wenn sozio-psychologisch vieles unbekannt ist, kann man doch von Folgendem ausgehen:

  • es sind viele,
  • die allermeisten sind nicht „sichtbar",
  • die meisten identifizieren sich selbst nicht als „schwul" oder „bisexuell", und (s.o.)
  • sie sind einem signifikant erhöhten HIV-/STD-Risiko ausgesetzt³.

Nach den Erkenntnissen der Sexualwissenschaften besteht in der Bevölkerung sowohl auf der Verhaltens- als auch auf der Identitätsebene ein Kontinuum zwischen „rein heterosexuell" und „rein homosexuell". Viel komplexer wird das Feld aber dadurch, dass sowohl Handlungs- und Gefühls-/Identitätsebene stark dissoziieren können als auch individual-biografisch unterschiedliche Zuschreibungen und ein „hin und wieder zurück" wohl eher die Regel als die Ausnahme sind.
Nach Kinsey leben insgesamt rund 50% aller Männer nicht lebenslang ausschließlich heterosexuell4. MSM differenzieren sich - grob betrachtet - in

  • etwa 3 bis 8% „rein schwule" Individuen5,
  • eine schwerer zu beziffernde Zahl „bisexuell" identifizierte Männer6 und vor allem
  • etwa 30 bis 40% Männer, die punktuell, sporadisch oder auch über längere Perioden neben ihrer heterosexuellen Aktivität und Identität (auch) homosexuelle Kontakte haben.

Zu den MSM gehören insbesondere auch (meist junge, aber durchaus nicht selten auch ältere) Männer, die ihr homosexuelles Coming-out noch vor sich haben oder darin noch am Anfang stehen. MSM sind also eine meist unsichtbare „Gruppe" von Männern unterschiedlichsten Alters, die oft eine primär heterosexuelle oder keine gefestigte sexuelle Identität haben, von außen betrachtet gegebenenfalls auch heterosexuell leben, jedoch in vielen Fällen gelegentlich homosexuell aktiv sind. Diese sexuelle Aktivität wird dann oft ganz „nebenher", vielleicht als Durchbruch verdrängter Impulse ausgeübt, kaum aber als selbstbewusstes und vor allem in aller Regel nicht (z.B. ForscherInnen gegenüber) preisgegebenes Verhalten.

Wie können MSM angesprochen und erreicht werden?

Aus dem hier zur Debatte stehenden Blickwinkel der HIV- und STD-Prävention können schwul und bisexuell identifizierte Männer erfolgreich als eigenständige Zielgruppen angesprochen werden7. Dies gilt aber sicher nicht für die anderen MSM, für deren Ansprache spezifische Konzepte und andere Kommunikationskanäle geeigneter sind.
Ein solches Konzept kann darauf aufbauen, dass es trotz der großen Heterogenität dieser MSM gemeinsame Merkmale gibt:

  • Es gibt keine ausreichende (oder noch keine eindeutige) Bewusstheit, Akzeptanz der oder Identität mit den eigenen homosexuellen Impulse(n);
  • deshalb keine Identifikation mit homo- oder bisexuellen Lebenswelten anderer Menschen;
  • Abwehr eines homo- oder bisexuellen Labels, insbesondere von außen.
  • Aus der oft gegebenen Dissoziation der homosexuellen Impulse folgt Abwehr (z.B. Verneinung bei Umfragen oder Nachfragen der Partnerin) oder Verstecken.
  • Es gibt kein soziales Netzwerk wie etwa die „Gay community".
  • Es existiert keine Selbst-Organisation.
  • Es gibt keine spezifischen Treffpunkte, etwa vergleichbar der schwulen Subkultur.
  • Da die Selbst-Identifikation fehlt, gibt es auch keine adäquate Selbst-Definition, kein positiv besetztes Label für das eigene Verhalten oder Gefühlsleben.
  • Es fehlen also spezifische „Antennen" beispielsweise für Aufklärungsbotschaften.
  • Die große Mehrheit hat einen heterosexuellen „Lebensstil" und definiert sich auch so.

Soziologisch gesehen handelt es sich nicht um eine Gruppe, sondern um ein Zielauditorium oder Zielpublikum. Die genannten Charakteristika sind im Übrigen auch wesentlich ursächlich für die erhöhte STD-Riskierung:

  • Es findet keine Identifikation mit den (im Rahmen der HIV-Prävention besonders präsent kommunizierten) „schwulen Risiken" der HIV-Infektion statt,
  • deshalb wird das konkrete HIV-Risiko oft unterschätzt oder negiert.
  • Insbesondere bei Jugendlichen kommen Lust am Abenteuer und Unverletzlichkeits-Fantasien dazu.
  • Zum defizitären Selbst-Bewusstsein kommen oft Selbst-Ablehnung und Scham- und Schuldgefühle hinzu,
  • was dann entscheidende Ursache für mangelnde Kommunikations- und Aushandlungsfähigkeit bezüglich Sexualität insgesamt und Safer Sex im Besonderen sein kann.
  • Dies führt dann mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zur verstärkten Anpassung an explizite oder implizite Initiativen und Wünsche eventueller Sexualpartner, zum Beispiel dem nach ungeschütztem, gegebenenfalls besonders riskantem Sex wie zum Beispiel rezeptivem Analverkehr.
  • Da in Deutschland wie auch in Mittel- und Nordeuropa HIV auch heute in hohem Maße von Mann zu Mann verbreitet wird, ist auch das epidemiologisch begründete HIV-Risiko in dieser Gruppe besonders hoch.
  • Zusammen mit der oben genannten psychosozial begründeten Suszeptibilität (Empfänglichkeit, Empfindlichkeit, Anm. d. Red.) resultiert für MSM deshalb eine - gegenüber ausschließlich heterosexuell lebenden Männern - wesentlich erhöhte HIV-Gefährdung.

Diese Risikofaktoren werden durch das weitgehende Fehlen sozialer Unterstützung verstärkt (anders als z.B. in großen Teilen der schwulen Szene, in denen Safer Sex auch heute sehr weitgehend sozialer Standard ist). Für MSM gibt es keine offen erkennbare „peer group". Und eventuelle Lebenspartnerinnen bzw. die Familie - so sie existiert - sind meist keine Stütze, sondern fühlen sich durch Ausleben der homosexuellen Impulse prinzipiell selbst bedroht.
Angesichts der Vielzahl potenzieller Hemmfaktoren ist eine erfolgversprechende HIV-Prävention für MSM komplex anzulegen und kein „Selbstläufer" im Rahmen der Ansprache der Allgemeinbevölkerung. Kontraproduktiv ist insbesondere, wenn Maßnahmen eindimensional „monopolistisch" heterosexuell konzipiert oder realisiert werden, aber auch wenn sie rein dichotom angelegt sind, zum Beispiel durch Adressierung von Hetero- oder Homosexualität (oder „reiner" Bisexualität). Denn die realen Lebenswelten von MSM sind oft „dazwischen liegend", charakterisiert durch Gefühle von „weiß-nicht-genau", „vielleicht" oder „bei Gelegenheit auch mal anders".
Auf Grundlage dieser Befunde und Überlegungen wurde von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereits in den frühen Neunzigerjahren in enger Kooperation mit der Deutschen AIDS-Hilfe für die deutsche HIV-Präventions-Dachkampagne für die „Allgemeinbevölkerung" ein strategisches Konzept entwickelt8 und auch umgesetzt.
Dieses wird von folgenden Kernpunkten charakterisiert:

  • HIV-Prävention für MSM muss eingebettet sein in die Kampagne für die „heterosexuelle" Mehrheit der Bevölkerung, da es keine anderen, spezifischen „Antennen" gibt.
  • Eine stark akzentuierte Darstellung oder Benennung von Mann-Mann-Sex muss vermieden werden, da sonst durch Abwehr und Verleugnung kontraproduktive Effekte provoziert werden können9.
  • HIV-Prävention für eindeutig homo- oder bisexuell identifizierte Männer ist sinnvollerweise in einem eigenen Kampagnenbereich angesiedelt (dieser Teil der HIV-Prävention ist in Deutschland seit Beginn an die Deutsche AIDS-Hilfe [DAH] delegiert, ein erheblicher Überschneidungsbereich mit dem BZgA-Angebot ist aber notwendig).
  • Mann-Mann-Sex wird als sozial akzeptierte „Möglichkeit" in einem breiter angelegten Sexualitäts-Kanon kommuniziert.
  • Entscheidend ist, dass trotz „Unauffälligkeit" doch eine klar akzeptierende und ermutigende, identitätsstärkende Botschaft deutlich wird.

In der BZgA-Kampagne wurden die genannten Grundprinzipien von Beginn an in Medien und Maßnahmen umgesetzt und jeweils konzeptuell in die Entwicklung neuer Medien einbezogen. Dies bezieht sich insbesondere auf unterschiedlichste Printmedien10, jedoch auch auf AV-Medien und die personalkommunikativen Aktivitäten der Kampagne11 in Form des „Mitmach-Parcours" und der Ausstellung „LiebesLeben", in denen unterschiedliche Lebensformen und unterschiedliche Sexualitäten integrierte, positiv konnotierte und ermutigend kommentierte Themen sind.

Die Entwicklung der Broschüre „Unser Kind fällt aus der Rolle"

Auf der Grundlage des beschriebenen Konzeptes wurde 199212 mit der Erarbeitung eines Mediums zur Identitätsstärkung homosexueller Menschen begonnen. Dabei war von vornherein klar, dass ein solches Medium nicht nur „männliche" Homosexualität fokussieren kann (was aus der engen Perspektive einer HIV-Prävention vielleicht nahe gelegen hätte), sondern das Thema und seine sozio-psychischen Aspekte umfassend und geschlechterübergreifend aufgreifen muss. Erklärtes Ziel war auch, dass das neue Medium zusätzlich zu der primär deklarierten Zielgruppe „Eltern" vor allem auch von den „Betroffenen" selbst genutzt werden sollte, um die Kommunikation, Konfliktbewältigungsfähigkeit und spezifische Sensibilität in der Familie und im sozialen Nahbereich konstruktiv anzuregen und zu stützen.
Als zentrale Ziele des geplanten Mediums wurden definiert:

  • möglichst korrekte Informationsvermittlung über (Homo-) Sexualität und Rollenverhalten, unabhängig vom Geschlecht (keinesfalls nur Thematisierung männlicher Homosexualität);
  • Informationen über bzw. Diskussion der „Verursachungsfrage" und andere gängiger Fehlvorstellungen zur Entängstigung und Entlastung der Eltern13, auch bezüglich Befürchtungen erhöhter Aidsgefährdung schwuler Söhne;
  • Sensibilisierung bezüglich „Frühzeichen" der homosexuellen Entwicklung eines Kindes;
  • Informationen über und Ermutigung zum „Coming-out" des Kindes;
  • Suizidprophylaxe14;
  • Informationen über Beratungs- und Selbsthilfe-Optionen;
  • Entwicklung von gegenseitigem Verständnis der Akzeptanz-schwierigkeiten;
  • Erleichterung des „Eltern-Coming-out";
  • Selbstbewusstseins- und Selbstwertstärkung aller Beteiligten, insbesondere in familiären Kommunikationsprozessen;
  • Informationen über weitere Literatur zum Thema Homosexualität.

Aus diesen Zielen wurden die zentralen Inhalte abgeleitet, die in folgenden Kapiteln umgesetzt wurden:

  • Einen gemeinsamen Weg finden
  • Ein eigenes, anderes Rollenverhalten ermöglichen
  • Sich annehmen, sich wohl fühlen
  • Die sexuelle Orientierung ist keine Frage der Erziehung
  • Aids ist keine „homosexuelle Krankheit"
  • Die Anfänge des Coming Out
  • Vor sich und anderen bestehen
  • „Hilfe, mein Kind ist homosexuell" - Wo finden Eltern und Jugendliche Informationen und Hilfe?
  • Können sie eigentlich glücklich werden?
  • Brief eines Sohnes an seine Eltern
  • Ausgewählte Bücher und Broschüren zum Weiterlesen.

Optimierung und Qualitätssicherung  des Mediums

In den Realisierungsprozess wurden von vornherein mehrere qualitätssichernde Stufen integriert. Der erste, von einem sexualpädagogischen Experten geschriebene, Textentwurf wurde (ohne Gestaltung) Anfang 1993 einer ausführlichen, auf einen umfangreichen Fragebogen gestützten, Überprüfung in einer Elterngruppe schwul/lesbischer Kinder unterzogen15. Ergänzend dazu fanden tiefer gehende Diskussionen mit einzelnen Eltern und PädagogInnen statt, die besonders umfangreiche eigene Erfahrungen bezüglich der Bedürfnisse der Zielgruppen einbringen und konkretisieren konnten. Auch einzelne Jugendliche mit abgeschlossenem Coming-out wurden zur Kommentierung eingeladen.
Das Ergebnis bestätigte das Konzept und den Textentwurf; besonders wichtig erschien die Aussage sämtlicher Befragter, sie würden eine solche Broschüre an ihre Kinder (respektive Eltern) sowie zum Beispiel auch an LehrerInnen, ÄrztInnen, Verwandte weitergeben wollen. Ebenso durchgängig wurde sie als wichtige Unterstützung der eigenen Situation und Probleme empfunden.
Die inhaltlichen Optimierungsvorschläge und Ergänzungswünsche waren die Grundlage der dann folgenden Überarbeitung im Detail. Auf Initiative einer Mutter wurde zusätzlich der authentische, prototypische „Brief eines Sohnes an seine Eltern" integriert, in dem er sehr bewegend und emotional Probleme mit seinem Coming-out und den (befürchteten und realen) Reaktionen der Eltern schildert. Er hatte sein Elternhaus „(...) grußlos verlassen, um es sieben Jahre nicht mehr zu betreten. Das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir hatte sich aufgrund ihrer Einstellung zu Homosexualität und unser aller Unfähigkeit, miteinander zu reden, zu einer solchen Folter entwickelt, dass ich es nicht mehr ertragen konnte (...)."16

Die Gestaltung: auch eine strategische Entscheidung

In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre wurden von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Rahmen der Fortsetzung bereits lange vorher bestehender sexualpädagogischer Aktivitäten17 mehrere Medien neu entwickelt beziehungsweise gründlich überarbeitet, nämlich eine Broschüre zur allgemeinen Sexualpädagogik für Jugendliche („Über den Umgang mit Liebe, Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft"), eine Broschüre für Eltern als Unterstützung der Kommunikation über sexuelle Fragen („Über Sexu-alität reden") sowie eine Broschüre zu Verhütungsfragen („Empfängnisverhütung"). Sehr schnell war aus sexualpädagogisch-fachlichen und kommunikationspsychologischen Gründen klar, dass das neue Medium zum Coming-out Teil dieser 1994 erscheinenden Reihe werden sollte, um nicht als „Sondermedium" eine im konzeptuellen Sinne unerwünscht herausgehobene Rolle zu spielen. Folgerichtig wurde die Gestaltung der Broschüre im handlichen DIN-A5-Format den gleichen Kreativen übertragen wie die anderen drei Medien. Da die Reihe in der völlig neuen Gestaltungslinie damals innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne veröffentlicht wurde und sich das „Marketing" ab 1995 in der Regel auf die gesamte Reihe bezog, ging diese Strategie auch tatsächlich auf.
So konnte dann Ende 1994 „Unser Kind fällt aus der Rolle" als Handreichung für Eltern (und andere Erziehungspersonen) von Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen, die sich (möglicherweise) in ihrer sexuellen Orientierung „anders" entwickeln, veröffentlicht werden.
Die Broschüre erfreut sich seitdem einer stetigen Nachfrage, und die BZgA erhält viele persönliche, dankbare Rückmeldungen. Sie ist, abgesehen von jeweils aktualisierten Info-Hinweisen inklusive Internet-Adressen, seitdem praktisch unverändert geblieben und wurde seit ihrem Erscheinen bereits in weit mehr als 600000 Exemplaren angefordert. Zukünftig sollen auch die zum Teil weitreichenden Konsequenzen des neuen Lebenspartnerschaftsgesetzes thematisiert werden - eine sozial-politische Entwicklung, an die beim Entstehen des Mediums selbst von Optimisten wohl kaum gedacht wurde. So sind wir zuversichtlich, dass „Unser Kind fällt aus der Rolle" noch längere Zeit seine wichtige Funktion erfüllen kann: nämlich dazu beizutragen, dass Menschen mit sich und ihren Nächsten befriedet werden, sich wertzuschätzen und so auch bereit und fähig zu sein, die eigene Gesundheit und die anderer zu bewahren.
Dass sie das kann, zeigt vielleicht am besten der Satz einer Mutter, die in einer bundesweiten Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern18 aktiv ist: „Diese Broschüre hat schon viele Tränen getrocknet!".

Fußnoten
1 Bestellnummer 130 800 00, per Post: BZgA, 51101 Köln, oder order@bzga.de
2 Unser Kind fällt aus der Rolle, Ausgabe 2001, Seite 67
3 Offenbar ist dies auch in HIV-Hochendemie(„Pattern II")-Ländern mit heterosexuell dominierter HIV-Epidemiologie der Fall, wobei für viele dieser Länder weder Studienergebnisse vorliegen noch offiziell die Existenz solcher Betroffenen diskutiert und „zugegeben" wird.
4 Diese Zahlen wurden in den 50er Jahren für die USA erhoben bzw. postuliert, scheinen aber auch auf andere westliche Kulturen übertragbar. Wieweit in anderen Kulturen und Sozialsystemen andere Zahlen und Zuschreibungen vorherrschen oder sinnvoll wären, ist nicht Gegenstand dieser Darstellung.
5 Die aus Studien verfügbaren Zahlenangaben sind sehr unterschiedlich, für Deutschland am ehesten realistisch erscheinen ca. 5%.
6 Vermutlich liegt die Zahl „echter" Bisexueller unter der als „schwul" identifizierten Männer, u.a. weil die Selbstbeschreibung als „bisexuell" oft als sozial besser akzeptierte Selbstzuschreibung vor einem „echten" Coming-out fungiert.
7 In Deutschland wird dies seit Beginn der Aidsprävention durch eine Arbeitsteilung der Absender bundesweiter Prävention umgesetzt: Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat den Auftrag, diese Zielgruppen mit eigenen Medien/Maßnahmen ohne (in diesem Fall potenziell kontraproduktiven) staatlichen Absender zu realisieren, während die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Aidsprävention für die gesamte Bevölkerung (Dachkampagne) unter Einschluss aller hier debattierten Gruppen durchführt.
8 Dieses Konzept und die jeweils aktuellen Maßnahmen wurden seit 1994 auch auf nationalen und internationalen Kongressen vorgestellt, z.B. Münchner Aidstage, Deutscher AIDS-Kongress sowie internationalen AIDS-Konferenzen.
9 Hierbei ist aber davon auszugehen, dass die Einschätzung des noch produktiven Grades von Explizität zeitlich (und individuell) stark variiert, neben vielen anderen Faktoren v.a. auch zentral abhängig vom Stand des Diskurses über Homosexualität in der Gesellschaft insgesamt.
10 Aktuelles Beispiel ist die Broschüre „In unserer Straße - Jungsgeschichten über Liebe, Freundschaft, Sex und Aids" (Best.-Nr. 704 600 00, per Post: BZgA, 51101 Köln, oder order@bzga.de; s.a. INFOTHEK)
11 Zu denen zentral auch die persönliche und anonyme Telefonberatung der BZgA gehört, bei der Coming-out-Beratung und Beratung (oft verheirateter) MSM einen erheblichen Teil der Gespräche ausmachen.
12 Zur Erinnerung: Damals herrschte keineswegs ein insgesamt relativ „offenes" öffentliches Diskussionsklima zum Thema Homosexualität wie heute; beispielsweise war der § 175 noch in Kraft. Er wurde erst im Zuge der Gesetzesharmonisierung nach der deutschen Wiedervereinigung 1994 aus dem StGB gestrichen.
13 Eine der häufigsten Fragen von Eltern beim Coming-out ihrer Kinder ist die nach eigenen Erziehungsfehlern („Was haben wir falsch gemacht?"), aus denen Schuldgefühle und Kommunikations-Blockaden resultieren.
14 Die Suizidgefährdung und -häufigkeit bei Coming-out-Problemen ist nach Untersuchungen gegenüber anderen Jugendlichen um ein Mehrfaches erhöht.
15 Dabei wurde darauf geachtet, dass eine möglichst geringe soziale Selektion der Eltern gegeben war und so eine möglichst breite Meinungsbildung stattfand. Repräsentativ-Untersuchungen sind in diesem Zusammenhang naturgemäß nicht möglich.
16 Unser Kind fällt aus der Rolle, Ausgabe 2001, Seite 62
17 die damals noch im Referat „Aidsaufklärung" angesiedelt waren - der Aufbau einer eigenen Abteilung 4 (Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung) wurde erst Ende 1993 auf der Grundlage des „Schwangeren- und Familienhilfe-Gesetzes" (SFHG) möglich.
18 Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen e.V. (BEFAH), Anton-Freytag-Straße 43, 30823 Garbsen, www.befah.de

Autoren

Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang H. Müller
Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang H. Müller ist seit 1987 Referatsleiter für „Maßnahmen zur Aids-Bekämpfung“ in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Schwerpunktaufgabe ist die Primärprävention von Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, insbesondere die Betreuung der bundesweiten Schwerpunktkampagne „Gib Aids keine Chance“.mehr

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