Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt
Gender Mainstreaming, „sexual diversity" und Sexualpädagogik - Eine Verhältnisbestimmung zur Einleitung
Mit dem Konzept Gender Mainstreaming ist eine Strategie geschlechtsbewusster Arbeit intendiert, die mit potentiell breitem Konsens und politischem Rückenwind auf alle gesellschaftlichen Bereiche zielt und, ohne vorgegebene Grundannahmen über die dort existierenden Geschlechterverhältnisse, Diskriminierungen abzubauen beansprucht.¹ Nicht zufällig liegt der Ursprung dieses politischen Anstoßes im politisch-administrativen Bereich und auf europäischer Ebene, denn dort können zwangsläufig nur breit konsensfähige Grundintentionen auf den Weg gebracht werden, ohne dass die plurale Realität mit bereits fertigen Konzepten flächendeckend überzogen würde². Damit ist der Weg frei geworden für die Entideologisierung bisheriger Positionen in der Geschlechterdebatte. Mehrere Geschlechterwirklichkeiten sowie andere, mit dem Geschlecht unmittelbar zusammenhängenden Identitäts- und Lebensweltaspekte können so in den Blick genommen werden.
Die kritische Anwendung der Gender-Debatte auf Sexualpädagogik und Sexualaufklärung kommt nicht umhin, die in der feministischen Geschlechterforschung herausgearbeitete heterosexuelle Matrix der Dreieinigkeit von Sex, Gender und Begehren als wesentliche Stütze der Zweigeschlechtlichkeit³ zu thematisieren. Wenn nämlich der Beitrag des Konstruktivismus bzw. Dekonstruktivismus zur Geschlechterforschung ernst genommen und akzeptiert wird, dass „wir nicht nur als Frauen (und gegebenenfalls als Männer) diskriminiert und benachteiligt werden, sondern auch dadurch, daß wir Frauen oder Männer zu sein haben" (Meyer 2001, S. 35), müssen auch alle damit zusammenhängenden Verhaltensmuster und Erwartungen in Frage gestellt werden. Das heißt also auch, Heterosexualität, Generativität und Kernfamilie zu „entnaturalisieren" und Sexualpädagogik daraufhin zu überprüfen, inwiefern sie die Möglichkeit zur selbstbestimmten Lebensführung einschränkt, wenn durch ihre Intentionen und Maßnahmen explizit oder implizit nahe gelegt wird, heterosexuell und in Kernfamilien mit leiblichen Kindern zu leben.
Wenn Gender in diesem Sinne als omnirelevante Kategorie interpretiert wird und die Struktur aller gesellschaftlichen Bereiche, also auch das sexuelle Begehren und die Formen des Zusammenlebens durchdringt (wie z.B. Dorit Meyer im Anschluss an Judith Butler konstatiert: Meyer 2001 S. 25), meint Gender Mainstreaming nicht nur die Infragestellung der bipolaren Geschlechterordnung, sondern ebenso der Bipolarität von Homo- und Heterosexualität sowie das Eintreten für vielfältige Elternschaft und eine Pluralisierung der Lebensweisen und Familienformen.
In der nachfolgenden sexualpädagogischen Erörterung entfalte ich diesen sachlichen Zusammenhang ohne die Konsequenz allein der Kategorie Gender und der Strategie des Gender Mainstreaming zuzuordnen. Vielmehr halte ich es sowohl analytisch als auch strategisch für sinnvoller, Geschlecht, Generativität, sexuelle Orientierung und Lebensweisen getrennt zu definieren und Gender Mainstreaming als Baustein im Rahmen einer breiteren sexualpädagogischen Strategie mit der Tendenz zur sexuellen Vielfalt zu verorten. In diesem Sinne stehen „gender troubles", „desire troubles", „familiy troubles" und „generativity troubles", also das Unbehagen angesichts der Geschlechterpolarität, sexuellen Orientierungen, Lebensweisen und Vorstellungen von Fruchtbarkeit zwar in einem historischen und psychosozialen Zusammenhang, können jedoch noch gleichzeitig als vier Aspekte menschlicher Sexualität mit je spezifischen Bedingungs- und Wirkfaktoren betrachtet werden.
Mir ist der strategische Nachteil dieser Differenzierung durchaus bewusst, ermöglicht sie nämlich auch die Leugnung oder das Herunterspielen der Zusammenhänge und die Beschränkung des Gender Mainstreaming auf eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wenn die jedoch ernsthaft angestrebt wird und die Zusammenhänge zwischen Sex (als Generativität), Gender, Begehren und Lebensweise tatsächlich real wirken und nicht nur einer ehrgeizigen und grobmaschigen Theoriekonstruktion entsprechen, dann wirken sie auch in einem Konzept, das zunächst die Infragestellung heterosexuellen Begehrens, der Kernfamilie einschließlich biologischer Elternschaft ausschließt. Die Erweiterung eines so verstandenen Gender Mainstreaming zum „sexual diversity mainstreaming", also einer Strategie zur Ermöglichung sexueller Vielfalt, ist dann nur eine Frage der Zeit.
Das nachfolgend von mir erläuterte Verständnis einer Sexualpädagogik der Vielfalt von Geschlecht, Lebensweise, Generativität und Begehren skizziert den sexualpädagogischen Horizont, der durch Gender Mainstreaming als momentan konsensfähigem Motor der Veränderung angesteuert werden kann. Ich skizziere zunächst die historischen Etappen der Interpretation des Geschlechterverhältnisses in der Sexualpädagogik, um einige daraus resultierenden Fragestellungen anschließend sexualwissenschaftlich, identitätstheoretisch und erziehungswissenschaftlich zu beantworten und die Konsequenzen für eine Sexualpädagogik der Vielfalt anzudeuten. Im letzten Teil konkretisiere ich die aktuellen Möglichkeiten und Aufgaben des Gender Mainstreaming in diesem Kontext.
Die Erzählungen[4] vom Geschlechterverhältnis im Entwicklungsprozess der Sexualpädagogik
Geschlecht ist keine unbekannte Kategorie in der Sexualpädagogik, immerhin hieß sie als pädagogische Disziplin bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinein noch „Geschlechtserziehung".[5] Damit „wurde häufig der Anspruch erhoben, die beiden Geschlechter geschlechtsspezifisch und deshalb am besten getrennt voneinander zu unterweisen" (Kluge 1984, S. 8). Männer und Frauen sind nach dieser frühen Konzeption wesensverschieden und ihr Verhältnis zueinander sowie viele Voraussetzungen des sexuellen Begehrens, der Generativität als Elternschaft und der Formen des Zusammenlebens normativ, viele auch rechtlich geregelt. Geschlechtserziehung diente vornehmlich der Festschreibung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses, der Ehevorbereitung, Fortpflanzung und der normativen Ächtung gleichgeschlechtlicher Liebe. Weibliche Generativität wurde assoziiert mit Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung, Männer kompensierten die fehlenden biologischen Potenzen mit geistiger und technischer Generativität.
Mit zunehmender Emotionalisierung der Liebes- und Partnerschaftsvorstellung in den 60er Jahren durfte das andere Geschlecht kein unbekanntes Wesen mehr bleiben, denn gelungene Partnerschaft in einer komplexer werdenden Welt setzte zumindest Verstehen und Verständigung voraus, die sich nun in der unmittelbaren Begegnung entwickeln sollten. Eine von nun an zunehmend koedukative Arbeit wurde auch in der Sexualerziehung mit der Hoffnung verbunden, dass Mädchen und Jungen sich kennen und lieben lernten, damit die Ehe dann später gelänge. Lust konnte durch die Verhütungspille von Fortpflanzung getrennt erlebt werden, Fruchtbarkeit musste sich nicht nur in Kindern ausdrücken. SexualreformerInnen wie z.B. Oswald Kolle und Beate Uhse durften dem Begehren auf die Sprünge helfen, soweit das dem Konsum, der Ehe, einer bewussten Elternschaft diente und sich nicht ins Gleichgeschlechtliche verirrte. Immerhin gewannen SexualpädagogInnen schon damals ansatzweise eine beachtliche Geschlechtsbewusstheit.
In der als „sexuelle Revolution" bezeichneten Erzählung von der Emanzipation des Menschen durch sexuelle Freizügigkeit erweiterten die männlichen Autoren die Befreiung der Lust von der biologischen Generativität um ihre Emanzipation von der Ehe, sogar von der Liebe. Damit war längst nicht die Intention verbunden, einem wie auch immer gearteten weiblichen Begehren zum Ausdruck zu verhelfen. Immerhin entstand das Modell der Wohngemeinschaft als eine erste, wenn auch meist Ideologie gebliebene Alternative zur Ehe und Kernfamilie, und es begann die Formierung homosexueller Interessengruppen mit dem Kampf für eine eigene sexuelle Identität.[6]
Trotz widerständiger Antworten der Politik, Gerichte und offiziellen Sozialisationsinstanzen blieben in den 70er Jahren immerhin eine konsequente Koedukation und eine weniger repressive Sexualerziehung übrig. Die Erwartungen an eine Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses erfüllten sich allerdings kaum, da die geschlechtsspezifischen Grundannahmen, die vermittelten Inhalte, die Lehr- und Lernsituationen sowie die ihnen eingewobenen Interaktionen von männerlastigen Geschlechter- und Sexualitätsmythen und einer entsprechend männerdominierten Didaktik durchdrungen waren. Weibliches Begehren blieb unsichtbar hinter der Verantwortung für Kinder, offizieller Zärtlichkeitsmoral und realen Gewaltverhältnissen. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde weiterhin negativ sanktioniert.
Manches änderte sich mit der neuen Frauenbewegung in den 80er Jahren, welche die vielfach vermittelte Hierarchie der Geschlechter und personellen Benachteiligungen von Mädchen und Frauen bis in die Intimverhältnisse hinein skandalisierte. Sexualität wurde von feministischer Seite als Territorium männlicher Machtausübung einschließlich verschiedener Formen von Vergewaltigung und Missbrauch beschrieben. Frauen begannen intensiv nachzuforschen, welche Besonderheiten Männer und Frauen kennzeichnen, wenn sie Intimbeziehungen anbahnen, von sexuellen Höhepunkten träumen, Orgasmen erleben, Zärtlichkeit und Leidenschaft beurteilen, Liebe und Sexualität in Beziehung setzen und an Kinder denken.
Zunächst lag der Schwerpunkt weiblicher Identitätsarbeit darauf, sich einige Insignien männlicher Sexualität, vor allem das Recht auf Lusterleben und Bedürfnisartikulation, anzueignen und in eigenen Lebensräumen zu entfalten. Weibliches Begehren bekam erstmals eine Stimme und konnte sich in der Kommunikation untereinander ohne Abhängigkeit von Männern bestätigen. Der Boden war auch für die Entfaltung eines eigenen lesbischen Lebensentwurfs bereitet, der sich in langen energieaufreibenden Kämpfen herausschälte, ohne jene öffentliche Identitätspräsentation zu erreichen, wie das der schwulen Bewegung gelang.
In der Sexualpädagogik ging es darum, möglichst viele Territorien und Umgangsformen weiblich zu besetzen. Mehr als in anderen Bereichen gelang es Frauen hier, ihre bis dahin weiter erzählten und inkorporierten Erlebnisweisen sexueller Geschlechtsidentität zu verankern. Schon immer hatten sexualpädagogische Programme Beziehungserleben, Zärtlichkeit und die Forderung nach ganzheitlichen Liebesbeziehungen ohne Beimischungen von Aggressivität in den Vordergrund gestellt. Manches sexualpädagogische Programm wurde dadurch zur Umerziehungshilfe für Jungen bzw. zur vordergründigen Anpassung ihres sexuellen Erlebens an die sozial erwünschte, als weiblich etikettierte Norm.
Nicht lange ließen Männer auf sich warten, die viel sexuelles Jungenelend entdeckten, das sich hinter der Macker-Fassade verbarg und Anlass für entsprechende geschlechtsspezifische sexualpädagogische Arbeit mit Jungen bot. Es meldeten sich zunächst jene jungenpädagogischen Stimmen zu Wort, die unter Anerkennung weiblicher Verkehrsformen eine anti-sexistische Arbeit forderten. Später ließen - ähnlich wie in der Frauenbewegung - solche Konzepte von Jungenarbeit nicht lange auf sich warten, die von der Eigenart und auch beachtenswerten Andersartigkeit männlicher Sexualität und Geschlechtsidentität ausgingen, sei sie nun ansozialisiert oder archaisch tief verankert. Die Erosion der patriarchalen Erzählung von der traditionellen männlichen Sexualität setzte eine unendliche Geschichte der Suche nach einer neuen sexuellen Identität des Mannes mit mehr oder weniger androgynen Eigenschaften und nach unterschiedlichen Relationen von Erwerbs-, Haus- und Erziehungsarbeit in Gang, die der Jungenarbeit als Orientierung dienen könnte.[7]
Doch die Suche nach ursprünglichen oder die Konstruktion von spezifischen weiblichen, männlichen, schwulen und lesbischen Identitäten wurde vor allem durch die Aussagen der konstruktivistisch orientierten Gender-Forschung, aber auch der neueren Sozialisationsforschung (z.B. Hoffmann 1997) immer fragwürdiger. Danach sei schon die Differenzierung in zwei Geschlechter ein Gewaltakt und ihre Betonung zementiere noch diese Realität. Und doch blieb das starke Interesse daran bestehen, zu wissen, wie die neue Frau und der neue Mann denn nun aussehen könnten. Das Bedürfnis der pädagogischen Praxis nach geschlechtsbewussten Leitbildern wird inzwischen für die Mädchenarbeit durch die persönlichen Entwürfe der feministischen Pädagoginnen, für die Jungenarbeit aus einer eher mythopoetischen Richtung essentialistisch oder - und das ist die heute weit verbreitete Praxis in beiden Bereichen - mit dem Hinweis auf die Pluralisierung (auch) der Geschlechtsidentitäten beantwortet: „Entwick'le deine eigene weibliche oder männliche Identität".
Ähnlich gestaltet sich die Differenz zwischen Theorie und Praxis im Bereich der sexuellen Orientierungen. Die schwul-lesbische Sexualerziehung ist weitgehend noch mit der Begleitung des Coming outs homosexueller Identität beschäftigt und wird erst langsam durch eine neue Generation Jugendlicher mit einer Pluralität homosexueller Identitätsbilder konfrontiert.
Trotz - vielleicht sogar wegen - aller Bewusstheit für die Geschlechterdimension gilt für die gesamte geschlechtsbewusste Sexualpädagogik momentan eine unbefriedigende Zwischenbilanz, die ein ratloser Pädagoge kürzlich folgendermaßen beschrieb: „Männer und Frauen, Heteros und Homos unterscheiden sich und unterscheiden sich nicht."
- Auf wissenschaftlicher Ebene streitet die geschlechtsspezifische mit der sozialkonstruktivistischen Sozialisationstheorie,
- politisch befindet sich die geschlechtsbewusste Sexualpädagogik im Streit um Ressourcen mit scheinbar geschlechtsneutralen, aber männlich durchwirkten Institutionen und
- praktisch-pädagogisch blicken geschlechtssensibilisierte Pädagoginnen und Pädagogen oft etwas ratlos auf das aktuelle Nebeneinander von Vielfalt, Verwirrung und vereindeutigten Kategorien von Geschlecht, sexueller Orientierung und Lebensweise bei den Jugendlichen.
Die Diskussion um Gender Mainstreaming ist auch für die Sexualpädagogik ein willkommener Anlass zur Klärung von eigenen Positionen und zur Gewinnung von mehr Verhaltenssicherheit.
Nützliche Antworten der Sexualwissenschaft, Identitätstheorie und Erziehungswissenschaft auf wesentliche Fragen des historischen Exkurses
Die Abfolge der Positionen zu Geschlecht, sexueller Orientierung und Lebensweise in der Sexualpädagogik und die Ratlosigkeit der momentanen Situation legen (mindestens) drei zentrale Fragestellungen nahe, auf die ich aus theoretischer Perspektive Antworten versuchen möchte:
- 1. Wie hängen Geschlecht, Lebensweise, sexuelle Orientierung und Generativität zusammen, so dass sich daraus das Konzept sexueller Identität ableiten lässt?
- 2. Wie kann sexuelle Identität erworben werden, ohne das Differente auszugrenzen und abzuwerten?
- 3. Wie kann eine Sexualpädagogik aussehen, die Menschen darin begleitet, eine selbstreflexive sexuelle Identität auszubilden?
1. Wie hängen Geschlecht, Lebensweise, sexuelle Orientierung und Generativität zusammen, so dass sich daraus das Konzept sexueller Identität ableiten lässt?
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle sexualwissenschaftlichen Informationen zur sexuellen Identität zusammenzutragen. Jedenfalls sind die Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Generativität und Homosexualität in verschiedenen Zusammenhängen thematisiert worden.[8]
Ich möchte zur Illustration an dieser Stelle lediglich auf den von Sonja Düring kürzlich in der Zeitschrift für Sexualforschung ausgeführten Gedanken hinweisen, dass Homosexualität nicht nur eine andere Sexualität, sondern auch ein subversiver Protest gegen die Zweigeschlechtlichkeit sei (Düring 1995). Grundlage ihrer Argumentation sind Erfahrungen aus einer Fragebogenstudie und ihrer psychotherapeutischen Sprechstunde, nach denen Menschen im Lebenslauf ihre sexuelle Orientierung wechseln bzw. sich gar nicht erst als homo- oder heterosexuell einordnen wollten, sondern eher von einem erotischen Kontinuum ausgehen.
In Auseinandersetzung mit anderen, vor allem männlichen Sexualwissenschaftlern entwickelt sie die Hypothese, dass die sexuelle Orientierung weder eine frühe Prägung noch das Ergebnis eines homosexuellen oder heterosexuellen Triebschicksals sei. Sie hänge vielmehr davon ab, welche Position eine Frau oder ein Mann im Geschlechterverhältnis bezieht: ob Mann/Frau bereit ist, auf die in einer der beiden Rollen nicht mehr zustehenden Potenziale der jeweils anderen Geschlechtsrolle zu verzichten oder ob er/sie an allen in ihnen angelegten Potenzialen festhalten will. Diese Entscheidung könne biografisch sehr früh getroffen werden oder auch (bei Frauen mehr als bei Männern) ein Ergebnis später Erfahrungen und Erlaubnisräume sein.
Kinder gingen zunächst grundsätzlich davon aus, dass ihnen alle sexuellen und geschlechtlichen Möglichkeiten offen stünden, hätten also einen „bisexuellen Vollkommenheitsanspruch". Mit der kognitiven Erkenntnis der Geschlechtsrollen und der beginnenden geschlechtlichen Differenzierung würden sie dazu veranlasst, ihren Wunsch nach Entfaltung aller in ihnen angelegten Potentialitäten aufzugeben. Sie begännen, ihr biologisches Geschlecht mit der vorgegebenen Geschlechtsrolle in eins zu setzen und eine heterosexuelle Entwicklung als Mann oder Frau einzuschlagen. Soweit jedoch Kinder - aus welchen Gründen auch immer - unbewusst am bisexuellen Vollkommenheitsanspruch festhalten und gegen den Verzicht auf die Möglichkeiten des anderen Geschlechts kämpfen, ihr biologisches Geschlecht also von der vorgegebenen Geschlechtsrolle trennen, würden sie auch im Hinblick auf die sexuelle Orientierung eine flexiblere Entwicklung einschlagen.
Die kulturellen Gründe für eine homosexuelle Entwicklung oder ein erotisches Kontinuum wirkten bei Frauen stärker als bei Männern. Bei Männern bliebe die Trennung von biologischem Geschlecht und männlicher Geschlechtsrolle eher ein Ergebnis der Einzelbiografie. (So gilt bisher die Aussage, dass die sexuelle Orientierung schon sehr früh festgelegt sei.) Der kulturelle Protest gegen die geschlechtliche Polarisierung gehe stärker von den Frauen aus und könne dadurch auch eine im Lebenslauf spätere Entwicklung zur Homo- oder Bisexualität grundlegen. Die Männer hätten eher Probleme, sich den Sphären anzunähern, die weiblich etikettiert werden, weil das mit Macht- und Prestigeverlust einherginge.
Von der Lebensweise im kommunikativen Sinne, also von der Art und Weise, sein Leben allein oder mit Partner, in einer Intimgruppe, in losen Netzen, mit oder ohne Kinder einzurichten, ist in dem referierten Text nicht die Rede. Es liegt jedoch die Schlussfolgerung nahe, dass mit der zunehmenden Chance, den „bisexuellen Vollkommenheitsanspruch" aufrecht zu erhalten oder auch - durch die Frauenbewegung gefördert - später noch zu erfüllen, sich Art und Richtung des Begehrens, die Form von Elternschaft und Lebensweise variabilisieren.[9] Die genannten Faktoren Geschlecht, sexuelle Orientierung und Lebensweise einschließlich der Kinderfrage sind sowohl gesellschaftlich als auch psychodynamisch so eng miteinander verbunden, dass insgesamt von „sexueller Identität" gesprochen werden kann. Es handelt sich dabei um ein theoretisches Konstrukt „mittlerer Reichweite", das einerseits komplex genug ist, um die genannten Zusammenhänge zu erfassen, das andererseits zu anderen Teilidentitäten, so z.B. zur beruflichen und kulturellen Identität, noch analytisch in Beziehung gesetzt werden kann.
2. Wie kann sexuelle Identität erworben werden, ohne das Differente auszugrenzen und abzuwerten?
Die Erzählungen zu den Geschlechterverhältnissen in der Sexualpädagogik haben aufgezeigt, wie dringlich das Bedürfnis ist, sich einer sexuellen Identität zuzuordnen, für die es auch ein gesellschaftliches (wenn auch abweichendes) Muster gibt.
Auch im gerade erörterten Zusammenhang wurde deutlich, dass bei rigiden, um die biologischen Geschlechtsmerkmale herum konstruierten Geschlechtsrollen von Mann oder Frau der Verzicht auf eine Vielzahl von Verhaltensmöglichkeiten (so z.B. auf die Ausrichtung des Begehrens auf das gleiche Geschlecht) nötig ist, um eine sichere Geschlechtsidentität zu erwerben. Gerade bei diesem Beispiel geht es ja nicht (allein) um den Verzicht auf genitale Kontakte, sondern um den Verzicht auf ganz viele emotionale Beziehungsmöglichkeiten vor allem zwischen Männern, die aus Angst unterlassen werden, als schwul identifiziert zu werden bzw. sich selbst so einordnen zu müssen. Die kulturell vorgestanzte Dichotomie zwingt dazu.
Ist dieser Verzicht aus welchen Gründen auch immer nicht erfolgt, wurde also eine Trennung zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsrolle vollzogen, stehen in unserer dominanten Kultur nur - meist abgewertete - Minderheitspositionen zur Verfügung, die selbst wiederum einer eindeutigen (abweichenden) Identität zugeordnet sind. Jemand ist dann z.B. schwul oder lesbisch, selten bisexuell (weil „zwischen den Stühlen sitzend"), manchmal trans-gender. Jedenfalls steht eine neue, meist jedoch weniger wertvolle Identitätshülse bereit. In diese Hülse wird alles hinein projiziert, was eben nicht dem anerkannten „normalen" Teil der sexuellen Identität entspricht. Ähnliches gilt für Abweichungen im Bereich der Lebensweise und Generativität. Jedenfalls ist der Wunsch, eine sexuelle Identität zu haben, sich also von anderen Identitäten abzugrenzen, ein grundlegendes Bedürfnis. Wir Menschen wollen wissen was und wer wir sind, um uns wohl zu fühlen und handeln zu können. Aber muss diese Identität eindeutig, gesichert und das ganze Leben gültig sein?
Antworten gibt die aktuelle Identitätsforschung mit ihren Aussagen zum Wandel der Identität in der heutigen Gesellschaft: Auf die Entwicklung moderner, spätmoderner und postmoderner Identitätsmodelle und den Streit um einzelne Ausprägungen der aktuellen Positionen kann hier im Einzelnen nicht eingegangen werden.[10] Es ist zu berücksichtigen, dass es sich dabei um eine nicht immer empirisch gesättigte Theoriedebatte handelt, die das individuelle Herstellen von „Identität als Erzählung" ihrerseits wieder durch wissenschaftliche Erzählungen beschreibt.
Wie auch immer: Vor dem Hintergrund des bisherigen essentialistischen Umgangs mit den Kategorien Geschlecht, sexuelle Orientierung, Familie, (immer auch noch: Rasse, Volk ...) und der Bedeutung, die ihnen für die subjektive Identitätsvorstellung zukommt, wird hier die Vorstellung vom erzählten und konstruierten Selbst übernommen, die allen momentanen Identitätstheorien zugrunde liegt - ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten und von einer postmodernen Nicht-Identität zu reden.
Unser Selbst (meist synonym gebraucht mit dem Begriff der Identität) ist wie alles Menschliche relativ. Zwar kann es Tieferes und Festeres in seinen Personschichten finden (z.B. Anlässe für das Grundgefühl von Urvertrauen) und nach einer persönlichen Sinn-Regel streben, doch es ist letztlich ein Fluss, ein Prozess, ein Suchgeschehen.
Dieses Selbst gibt es nicht real, auch nicht unser sexuelles, sondern es existiert nur die subjektive Konstruktion eines Selbstgefühls.[11] Das erschwert ein selbstbezogenes Lernen (wir finden uns nicht wie ein Ding!) und erfordert den klaren Willen, sich selbst als Selbst zu stiften! Wir bauen uns unser Selbst durch unsere Selbstentfaltung und die Konstruktion von Sinn, einer persönlichen Sinn-Erzählung. Persönliche Identität ist das „Ergebnis von einer Interaktion zwischen persönlichen Erfahrungen und persönlichen Geschichten, verflochten mit Geschichten von anderen im alltäglichen Leben".[12]
Sich auf einige kulturell festgestellte Markierungen (wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Kernfamilie, biologische Elternschaft) sicherheiterheischend zu verlassen bedeutet, der Selbst-Entfaltung, dem aufregenden und zugleich befriedigenden Selbst-Entwurf aus dem Weg zu gehen.
Um die vermeintliche Sicherheit geben zu können, wurden solche Kulturmuster, die dann als Identitätsstützen gebraucht werden, essentialisiert, also verwesentlicht und alles andere damit gleichzeitig als unnatürlich, abweichend, manchmal sogar als bedrohlich, zumindest als unwesentlich definiert. Doch die vermeintlichen Sicherheiten erodieren:
- Das Dominanzmuster des klassisch Männlichen gibt inzwischen am wenigsten her. Der traditionelle Patriarchalismus als persönliches Verhalten beginnt zu verwesen, um in den Strukturen eines globalen Kapitalismus jedoch in der Form des flexiblen Menschen wieder aufzuerstehen. Dieses modernisierte Sozialisationsmuster gilt inzwischen auch für Frauen.[13]
- Das homosexuelle Selbst und die dazugehörige Lebenswelt wird noch als zumindest vorübergehende Stütze diskriminierter Identität genutzt, beginnt jedoch auch, sich in der allgemeinen Pluralisierung der Lebensstile aufzulösen.[14]
- Die Kernfamilie ist erwiesenermaßen nur noch eine - wenn auch bedeutsame - Lebensweise unter vielen anderen geworden.[15]
- Am stabilsten erweist sich noch das tief verankerte Muster der biologischen Elternschaft, wenn auch die seit langem bekannten Formen fraktionierter Elternschaft durch Pflegschaft und Adoption, neuerdings auch der Leihmutterschaft und verschiedene Formen der künstlichen Befruchtung praktiziert werden (Sielert 2000).
Die meisten, vielleicht alle Menschen brauchen nach wie vor ein Gefühl des „Mit-sich-eins-Seins" als Kompositionsprinzip, das ohne Passung in einen sozialen Kontext, ohne eine Abstimmung mit einer bestätigenden Umwelt kaum erreicht werden kann. Doch die verwesentlichten sozialen Konstrukte, die das bisher gewährleisteten, beginnen langsam, teils zu zerfallen, teils sich zu transformieren. Eine lebendige (nicht immer unproblematische) Vielfalt beginnt zu gedeihen, die der potentiell inneren Vielfalt menschlicher Möglichkeiten entspricht.
Die Kontingenz des Identitätserlebens muss sich nicht unabdingbar aus der Einordnung mit vielen anderen zusammen in einige wenige kulturelle Schubladen speisen, sondern kann auch aus der je individuellen Konstruktion eines Sinnerlebens erwachsen, das sich ganz unterschiedlicher Identitätsbausätze einer komplexen Realität bedient.
Das heißt nicht, dass wir unser Selbst völlig unabhängig vom sozialen Kontext gestalten können. Auch unser selbst gesponnenes Netz aus kontingenten Beziehungen, das uns selbst und anderen erzählte „Sich-selbst-Sein", bedarf der Entlastung durch vorhandene neue Muster und Anerkennung durch andere Menschen. Und das nicht nur zur Bestätigung, sondern auch zur Herausforderung der Selbstbetrachtung. Wir brauchen andere Menschen, die ähnlich und zugleich anders sind als wir. Wir müssen wissen um das Neue, Fremde, dem Jetzt noch Widerstreitenden in anderen Menschen und Situationen, das wir dringend benötigen, um das uns (noch) nicht Passende, aber doch in uns Existierende anzusehen und für unser Selbstgefühl und unsere Identitätskonstruktion zu nutzen. Das ist ein langer, nie endender und immer auch anstrengender, jedoch lohnender Prozess.
3. Wie kann eine Sexualpädagogik der Vielfalt aussehen, die Menschen dabei begleitet, eine selbstreflexive sexuelle Identität auszubilden?
Anknüpfend an die Tradition emanzipatorischer Sexualpädagogik, die wie alle kritische Pädagogik gegen Ausgrenzung und Benachteiligung von Personengruppen arbeitet, die nicht der dominanten Kultur entsprechen, soll eine Pädagogik der Vielfalt noch einen Schritt weitergehen. Dekonstruktives Denken hat uns gelehrt, dass es nicht reicht, diskriminierten Identitäten (Jugendlichen, Frauen, behinderten, alten Menschen ...) die Veröffentlichung und Durchsetzung ihrer legitimen Interessen zu ermöglichen. Die Differenzierungsprozesse selbst bedeuten schon eine machtvolle Verweigerung ganz vielfältiger Lebensweisen (vgl. Hartmann 2001).
Es geht nicht nur darum, für die Gleichberechtigung vorhandener (d.h. zugewiesener) Identitäten und Lebensweisen (Mann oder Frau, Heterosexualität oder Homosexualität, Kernfamilie oder Single, mit und ohne Kinder) zu arbeiten, sondern für die potenzielle Vielfalt der Lebensweisen, die auch zwischen den polaren Identitätsangeboten existieren.
Vielfalt meint eine Perspektive auf das Thema, welche „die Struktur von Norm und Abweichung, von Allgemeinem und Besonderem zu Gunsten einer gleichwertigen Vielfalt verschiebt. Für die pädagogische Praxis weist dies auf die Notwendigkeit hin, vorfindliche Existenz- und Lebensweisen unabhängig von ihrem quantitativen Vorkommen wertschätzend zu entfalten" (Hartmann, S. 80) und nicht nur additiv plural nebeneinander zu stellen. Es geht um ein gesellschaftliches Miteinander, in dem man ohne Angst verschieden sein kann (Adorno).
Eine Pädagogik der Vielfalt
- stellt Alltagsannahmen über die vermeintlichen Grundfesten sexueller Identität in Frage,
- erkennt Ausgeschlossenes und weicht hierarchische Anordnungen auf,
- ist wachsam gegenüber dem Festschreiben, d.h. Verdinglichen von Identitäten,
- bejaht Unentscheidbares, Nicht-Identisches und Fremdes,
- unterstützt die Menschen bei der Auseinandersetzung mit subjektiven, sozialen und politischen Realitäten, die Denken, Fühlen und Handeln normieren,
- gestaltet Erlaubnisräume, in denen sich Vielfalt entwickeln kann (vgl. Hartmann, S. 80 ff).[16]
Eine in dieser Denkrichtung stehende Sexualerziehung findet ihren Gegenstandsbereich und ihre Zielperspektiven in der Beförderung von Vielfalt sexueller Identität, also von Geschlecht, Generativität, Lebensweise und Begehren.
Sie legitimiert sich pädagogisch durch das selbstreflexive Lernen, diese allem Menschlichen zugrunde liegende Notwendigkeit, die den selbstbestimmten Umgang mit der zunehmenden Vielfalt erst ermöglicht. Schon das Hineinwachsen in die klassischen Insignien bürgerlicher Identität, die Geschlechtsrolle, das heterosexuelle Beziehungsmanagement bis zur Gründung einer eigenen Familie, die Veränderungen, die der Beziehungsalltag durch Kinder erfährt, setzte eine ganze Reihe von Kompetenzen voraus, die nicht alle Menschen angesichts lebensweltlicher Enge und Beschränkungen selbstverständlich erwerben konnten.
In einer Welt der aufbrechenden Vielfalt, der Chance, aber auch des Risikos eigener Entscheidungen und nach wie vor bestehender sozialer Ungleichheiten sind sexualpädagogische Hilfen und Sexualaufklärung für alle Lebensalter wichtiger denn je geworden:
- So könnte Sexualpädagogik einerseits aus der Enge eindeutiger polarer Zuordnungen heraus helfen, andererseits aber die Tatsache berücksichtigen, dass wir überwiegend körperlich, psychisch und sozial unser Geschlecht in erwarteten Rollen präsentieren müssen, um handlungsfähig zu bleiben. Doch es ist ein großer Unterschied, ob Sexualpädagogik themenzentriert arbeitet (also beispielsweise zu Gefühlsambivalenzen, Körperreaktionen, Flirtverhalten, Aggressionen, sexueller Sprache ...) und dabei auf Behinderungen stößt, die auch durch erlerntes Geschlechtsrollenverhalten bedingt sind (aber nicht sein müssen), oder ob sie von vornherein in geschlechtshomogenen Gruppen die Jungen mit Gefühlen, Kindern, Beziehungen und Sinnlichkeit und Mädchen mit Durchsetzung, Lust und Arbeit gegen den Schlankheitswahn konfrontiert.
- Für sexualpädagogisch Tätige sollte selbstverständlich werden, Erlaubnisräume zu öffnen, damit Kinder und Jugendliche gleichgeschlechtliches ebenso wie heterosexuelles Begehren ausdrücken und leben können, ohne sich in die Schublade „homosexuelle oder heterosexuelle Identität" zu packen oder gepackt zu werden. So besteht ein großer Unterschied darin, ob stillschweigend davon ausgegangen wird, dass Jugendlichen, die sich in andere des gleichen Geschlechts verliebt haben, von nun an eine notwendige und oft leidvolle Coming out-Karriere bevorsteht oder ob man ihnen die Unbeschwertheit des Verliebtseins und die erotische Zukunft offen lässt.
- Es ist dringend nötig, soziale Elternschaft in Eineltern-, Patchwork und gleichgeschlechtlichen Familien sexualpädagogisch zu würdigen und die auch dort auftretenden Konflikte zu bearbeiten, ohne den oft tief gefühlten Wunsch nach „eigenen", das heißt leiblichen Kindern klein zu reden. So macht es einen Unterschied, ob die unbedingte, irrationale Liebe zu Kindern („to be crazy about a kid") nur als natürliche Folge biologischer Elternschaft angesehen oder ob anerkannt wird, dass sich ein solches Gefühl auch zwischen Erwachsenen und den nicht eigenen Kindern entwickeln kann.
- Sexualpädagogik kommt nicht umhin, sich verstärkt mit verschiedenen Formen der Leihmutterschaft, künstlichen Befruchtung und anderen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin zu beschäftigen. Es wirkt unterschiedlich, ob solche Möglichkeiten direkt oder indirekt als unnatürlich etikettiert, oder ob sie grundsätzlich angenommen werden und das Bewusstsein für die Verantwortung geschärft wird, die Eltern damit für ihre Kinder und für sich selbst auf sich nehmen.
- Sexualpädagogik hat immer noch Probleme damit, Lust, Zärtlichkeit und Erotik als Energiequelle für Lebensmut und Wohlbefinden, auch unabhängig von Ehe und Liebe in allen Altersphasen freundlich gegenüberzustehen. Es ist auch in dieser Hinsicht Vielfalt möglich und human. So meinen wir immer noch, es sei wertvoller, mit „Kopulationsmystik", also einer die Lust domestizierenden Liebe, gegen lustsuchende „Erregungssammler" vorgehen zu müssen, statt auf Übereinkunft und Sensibilität zu vertrauen, die auch ohne Anspruch auf Zukunft Ausbeutung verhindern.
- Es ist eine Frage der Haltung und der Gesamtatmosphäre, ob Sexualpädagogik die Bereitschaft und Kompetenz zum Entwerfen der eigenen sexuellen Identität unterstützt und dabei grenzenlosen Machbarkeitswahn fördert oder gleichzeitig die Erfahrung wachhält, dass sich manches trotz Eigenaktivität und innerer Bereitschaft nur als Geschenk ereignet.
Gender Mainstreaming als ein Anfang in die richtige Richtung
Von allen Teilaspekten der sexuellen Identität hat die Flexibilisierung der Geschlechtsrollen bisher die größte und breiteste Akzeptanz gefunden. Mit dieser Formulierung können sich inzwischen fast alle gesellschaftlichen Interessengruppen und Einrichtungen einverstanden erklären. Die zweite Stufe der dekonstruktivistisch begründeten Arbeit gegen den Zwang, sich überhaupt als Junge oder Mädchen, Mann oder Frau definieren zu müssen und damit klare Inklusionen und Exklusionen vorzunehmen, wird überzeugend nur von einer kleineren Gruppe unter das Gender Mainstreaming-Programm subsumiert.
Mit der sexuellen Orientierung sieht es noch enger aus: Zwar sind auch hier viele PädagogInnen sowie PolitikerInnen für die Arbeit gegen die Diskriminierung von Homosexualität, doch „diversity-mainstreaming" angesichts des Begehrens bedeutet, gleichgeschlechtliche Liebe nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv für eine Vielfalt der sexuellen Orientierung einzutreten. Von diesem sexualpädagogisch wünschenswerten Ziel sind wir realpolitisch, aber auch in Bezug auf das Alltagserleben, noch weit entfernt.
Die Vielfalt der Lebensweisen ist Realität, aber immer noch dominiert die Polarität Kernfamilie gegenüber „nichtkonventionellen Lebensgemeinschaften" mit der eingewobenen Abwertung des vom Grundmuster der herkömmlichen Familie Abweichenden.
Generativität über die biologische Elternschaft hinaus auszudehnen ist - abgesehen von den notfalls akzeptierten Formen sozialer Elternschaft - noch ein heiß umkämpftes und tatsächlich noch mit vielen Unbekannten behaftetes Vorhaben, für das es mit Sicherheit noch zu früh wäre, es in ein „top-down-Programm" von Mainstreaming einzugliedern.
Insofern heißt Gender Mainstreaming für die Sexualpädagogik, sich mit so viel Öffnung wie möglich gegenüber allen Formen der Vielfalt sexueller Identität auf die geschlechtssensible Arbeit für die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten aller zu konzentrieren. Mit dem Begriff „geschlechtssensibel" meine ich ein auf die einzelnen Personen zentriertes freundliches Begleiten des letztlich eigensinnigen Gestaltens sexueller Identität. Es ist dabei nützlich, das Wissen um den stummen Zwang der Geschlechterpolarität im Hinterkopf zu haben, ohne bei der einzelnen Person geschlechtstypisches Verhalten vorauszusetzen. Es geht also um eine subjekt- und themenzentrierte professionelle Haltung, die es vermeidet, konkrete Menschen mit wissenschaftlichen Erzählungen über sie zu verwechseln.
Vor diesem Hintergrund können viele bereits des öfteren formulierten Strategiedetails des Gender Mainstream-Programms auf die Sexualpädagogik bezogen werden.
Auch in ihren Einrichtungen, bei den Maßnahmen und Programmen geht es um
- die Berücksichtigung des geschlechtssensiblen Blicks auf Mädchen wie auf Jungen bzw. auf Frauen und Männer. Viele, die sexualpädagogisch tätig sind, wissen, über wie wenig männerspezifische Sensibilität und Fachlichkeit sie selbst und die Träger mit ihren Einrichtungen verfügen;
- die Überprüfung des Angebots (vom Personal über die Themen, die Sprache und das gesamte pädagogische Konzept) auf Barrieren gegenüber jenen Jungen und Männern, die bisher den „Habitus der Intimität" nicht beherrschen und deshalb außen vor bleiben;
- Hilfestellungen für das Personal, um die Haltungen der geschlechtssensiblen Arbeit im oben genannten Sinne einzuüben. Wir wissen, dass gerade bei den intimitätsnahen Themen Reden und Handeln weit auseinander liegen können;
- die Vernetzung ganz vielfältiger Zugänge zu Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, um angesichts unterschiedlicher Perspektiven darauf, wie die Menschen ihre sexuelle Identität entwerfen, möglichst nah an ihre Selbstdefinitionen heranzukommen;
- die Verankerung der geschlechtssensiblen Perspektive in den Konzepten der Qualitätssicherung und der Evaluationsstrategien.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass trotz aller Optimierungsmöglichkeiten die sexualpädagogische Theorie und sexualerzieherische Praxis den geschlechtsbewussten Blick aufgrund ihres Gegenstandsbereichs schon seit längerem thematisieren - nicht immer, aber immer öfter auf der Höhe der Zeit. Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen sind damit in der Regel geeignete Trainerinnen und Trainer für Gender Mainstreaming-Programme auch in anderen Sektoren. Das gilt zumindest für die personale Kommunikation. Und die ist angesichts dieses personnahen Themas eine wesentliche Innovationsstrategie.
Literatur
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M. 1991
Düring, Sonja: Über sequentielle Homo- und Heterosexualität. In: Zeitschrift für Sexualforschung Heft 3, 7. Jahrgang, September 1994, S. 193-202
Hartmann, Jutta: Bewegungsräume zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus. In: Fritsche, Bettina, Jutta Hartmann, Andrea Schmidt, Anja Tervoorden (Hg.): Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven. Opladen 2001, S. 65-84
Kluge, Norbert: Handbuch der Sexualpädagogik. Band 1. Theoretische Grundlegung. Düsseldorf 1984
Meyer, Dorit: Gender Mainstreaming: Bedeutung - Entstehung - Kontexte einer neuen politischen Strategie. In: von Ginsheim, Gabriele und Meyer, Dorit (Hg.): Gender Mainstreaming. Neue Perspektiven für die Jugendhilfe. SPI Berlin 2001, S. 25-40
Von Ginsheim, Gabriele und Meyer, Dorit (Hg.): Gender Mainstreaming. Neue Perspektiven für die Jugendhilfe. SPI Berlin 2001
Hoffmann, Berno: Das sozialisierte Geschlecht. Zur Theorie der Geschlechtersozialisation, Opladen 1997
Sielert, Uwe: Zwei-Väter- und Zwei-Mütter-Familien. Sorgerecht, Adoption und artifizielle Insemination bei gleichgeschlechtlichen Elternteilen. In: Keil, Siegfried und Haspel, Michael (Hg.): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in sozialethischer Perspektive. Beiträge zur rechtlichen Regelung pluraler Lebensformen. Neukirchen-Vluyn, 2000, S. 45-64
Fußnoten
1 Dorit Meyer: Gender Mainstreaming - Bedeutung - Entstehung - Kontexte einer neuen politischen Strategie. In: Gabriele v. Ginsheim und Dorit Meyer (Hg.): Gender Mainstreaming. Neue Perspektiven für die Jugendhilfe. Stiftung SPI, Berlin 2001, S. 25-40
2 Siehe dazu Scherr, Albert: Gender mainstreaming als Lernprovokation. In: ebenda, S. 81
3 Zuerst formuliert bei Judith Butler in: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M. 1991
4 Der Begriff „Erzählung" entspricht der Wissenschaftstheorie des Konstruktivismus und betont, dass unsere Ansicht über einzelne Phänomene oder größere Zusammenhänge in der Welt nicht einer objektiven Wirklichkeit entsprechen, sondern lediglich einer Erzählung darüber, die dialektisch mit wahrgenommenen Einzelheiten im Zusammenhang steht.
5 Eine der heute noch existierenden Gesellschaften nennt sich „Deutsche Gesellschaft für Geschlechtserziehung" (DGG), wenn auch ihr Konzept sich zeitgemäß modernisiert hat.
6 Die in den 70er Jahren erschienene sexualpädagogische Materialmappe „betrifft: sexualität" war ein für diese Zeit beachtliches Zeugnis für erste Versuche einer Sexualpädagogik der Vielfalt.
7 Siehe dazu ausführlich: Sielert, Uwe: Jungenarbeit heißt nicht einfach, neue Programme zu entwerfen - die Vertreibung aus dem Programm traditioneller Männlichkeit. In: BZgA: Männlichkeit! ... mehr oder weniger? Forum Sexualaufklärung 2/3 1996.
8 So z.B. schon bei Freud, aber auch bei Morgenthaler, Dannecker, Reiche, Fast, Pagenstecher. Nähere Literaturangaben sind im Aufsatz von Sonja Düring enthalten.
9 An dieser Stelle sind noch weitere sexualwissenschaftliche Recherchen notwendig. Ein wichtiger Anfang auf diesem Gebiet ist die noch nicht veröffentlichte Habilitationsschrift von Renate-Berenike Schmidt zum Thema: Lebensthema Sexualität. Sexuelle Einstellungen und Handlungsmuster jüngerer Frauen. Bremen 2001.
10 Das ist z.B. vorzüglich geschehen bei Günter Mey in seinem Buch über Adoleszenz, Identität und Erzählung - Theoretische, methodologische und empirische Erkundungen. Verlag Dr. Köster Berlin 1999.
11 siehe dazu genauer: Lifton, Robert: The protean self: Human resilience in an age of fragmentation. New York: Basic Books. Auch zitiert und verarbeitet in: Heiner Keupp u.a.: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek 1999
12 ebenda S. 8
13 Böhnisch, Lothar: Männlichkeiten und Geschlechterbeziehungen -
Ein männertheoretischer Durchgang. In: Brückner, Margit und Böhnisch, Lothar (Hg.): Geschlechterverhältnisse. Gesellschaftliche Konstruktionen und Perspektiven ihrer Veränderung. Weinheim 2001, S. 39-106
14 Bech, Henning: When Men Meet. Homosexuality And Modernity. Chicago 1997
15 Schneider, Norbert F.: Und was kommt nach der Familie? - Soziologische Anmerkungen zur Situation und zukünftigen Entwicklung von Familie in Deutschland. In: Behrens, Christoph und Rüdiger Sachau: Homosexualität - Herausforderung für die Familie. Evangelische Akademie Nordelbien, Orientierungen Band 1, Hamburg 2000, S. 1-8
16 Für die allgemeine Pädagogik hat Dieter Lenzen als erster die Konsequenzen der Strukturalismus- bzw. Destrukturalismus-Debatte für die Pädagogik gezogen (in: Handlung und Reflexion. Vom pädagogischen Theoriedefizit zur Reflexiven Erziehungswissenschaft, Weinheim 1996). Bezogen auf eine Pädagogik vielfältiger Lebensweisen ist es Jutta Hartmann zu verdanken, den Ansatz einer Verbindung zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus geliefert zu haben (siehe Literaturverzeichnis).
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