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„meine Sache" - Sexualpädagogische Fachtagung für Frauen in der Mädchenarbeit

„Brüste gibt's, die gibt's gar nicht: dicke, schlaffe und behaarte", erzählen junge Frauen lachend. Und dann überlegen sie: „Was ist sexy?" Der Klaps auf den Po? „Ja, wenn er vom Freund kommt", sagt die eine, „aber ein Fremder, der kann was erleben!" „Ich bin ich", behaupten die Mädchen bei „Dr. Mag Love", einer Video-Koproduktion zwischen ZDF und BZgA, die zur Einstimmung auf der Fachtagung „Meine Sache"  zur sexualpädagogischen Mädchenarbeit gezeigt wurde. Der Film stellt selbstbewusste Mädchen vor, die wissen, wer sie sind, und was sie wollen: „Ich bin ich." Starke Mädchen tanzen wie sie wollen, ergreifen beim Sex die Initiative, können auch „nein" sagen. Fröhliche Mädchen, die den Gleichaltrigen ins Gesicht grinsen und sagen: „Mädchen, wenn ihr keine Ausbildung habt, bleibt nur noch die Heirat - wollt ihr das???" Brave Mädchen kommen in den Himmel, und ungehorsame kommen überallhin, lautet das Fazit des Videos.

Fachfrauen für Mädchen

„Schüchtern? Sexy? Wie ist die heutige Mädchengeneration? Wer könnte darüber besser Auskunft geben als Sie?", begrüßte die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Dr. Elisabeth Pott, in Hohenroda bei Bad Hersfeld die rund 150 Teilnehmerinnen der Fachtagung „meine Sache". Eingeladen zum Austausch „abseits vom Alltagsrummel" waren an diesen heißesten Tagen des Sommers (19.-21. Juni 2000) Fachfrauen von Wohlfahrtsverbänden, Beratungsstellen zur Sexualaufklärung und Familienplanung, autonomen Fachstellen der Mädchenarbeit, Einrichtungen zur Sexualberatung, Selbsthilfegruppen, darunter Praktikerinnen genauso wie Akademikerinnen aus Forschung und Lehre.

In ihrer Eröffnungsansprache wies die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Edith Niehuis vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf 20 Jahre hin, in denen sich die sexualpädagogische Mädchenarbeit etabliert hat, nicht zuletzt durch die Aufnahme in das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). „Mädchenarbeit ist sozusagen in den Mainstream gekommen." Gleichzeitig unterstütze der Bund in seinem 2. Förderprogramm weitere Modellprojekte zum Abbau struktureller Benachteiligungen von Mädchen und jungen Frauen und zum Transfer der Erfahrungen aus der bisherigen Arbeit, darunter u.a. seit 1999 die Bundesarbeitsgemeinschaft für Mädchenpolitik. Jedoch sei geschlechtsbezogene Arbeit noch längst nicht überall Bestandteil kommunaler Arbeit geworden, hänge oft zu sehr an der Energie der Fachfrauen und sei geprägt von einem Mangel an Ressourcen und langfristiger Absicherung. Sexualpädagogische Arbeit mit Mädchen habe einen hohen Stellenwert, um zum Beispiel den positiven Umgang mit dem Körper zu fördern. Sie diene auch als Prävention gegen sexuellen Missbrauch. Daneben sei die Arbeit mit Jungen wichtig, damit sie „ein positives Bild vom Mannsein entwickeln".

Besser aussehen

Auf diesem Weg betätige sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung seit langem, betonte Dr. Elisabeth Pott. Zielgruppenspezifische Konzepte gehören zum  allgemeinen Arbeitsauftrag: „Mädchen und Jungen sollen gut informiert die für sie richtigen Entscheidungen treffen. Dabei helfen wir." Die Erkenntnisse der reflexiven Koedukation für die Arbeit mit Mädchen, mit Mädchen und Jungen gemeinsam und  mit Jungen seien in das gemeinsam von der BZgA und einem Vorbereitungsgremium aus der Mädchenpädagogik erarbeitete Tagungskonzept mit eingeflossen. Aktuelle Studien bewiesen, dass der Informationsstand über Sexualität und Verhütung gestiegen ist. Die meisten Mädchen hätten aber einen deutlichen Wissensvorsprung gegenüber den Jungen. Sie wünschten sich sexuelle Treue und Geborgenheit und hätten das Ziel, Familie und Beruf zu vereinbaren. Jungen hielten dagegen viel selbstverständlicher an traditionellen Rollen fest. In der Pubertät nähme dann das Selbstvertrauen von Mädchen ab. Sie seien kränker, schluckten mehr Medikamente und gingen häufiger zum Arzt oder zur Ärztin. Gründe dafür seien unter anderem Unwohlsein, Probleme mit der Menstruation oder Ess-Störungen. Erfahrungen vom bundesweiten Projekt „Kinder- und Jugendtelefon" zeigen: „Schon 9- bis 10-jährige Mädchen wollen besser aussehen", berichtete Pott. Eine Wiederholungsbefragung der BZgA bestätige, dass sich die sexualpädagogische Arbeit mit Mädchen etabliert hat.

Männliche Verlierer

Cornelia Helfferich vom Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungsinstitut der Kontaktstelle für praxisorientierte Forschung (SOFFI) verwies in ihrem Vortrag wie zuvor auch schon Edith Niehuis auf die männlichen Verlierer, vor allem in ungebildeten Schichten, angesichts der Veränderung im sexuellen Selbstbewusstsein (nicht nur) der Mädchen. Die Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg zeigte sich beunruhigt über den unverändert hohen Anteil der Mädchen mit Diäterfahrungen.

Paragraf 9 KJHG sei zwar ein Meilenstein, garantiere aber nicht Qualität und Bestand von Mädchenarbeit. „Mädchen gehen zwar ihren Weg", betonte sie, „aber auf paradoxe Weise": Sie übernehmen Verantwortung für Sexualität und  Lebensplanung, andererseits wird ihnen diese Möglichkeit aber wieder entzogen, weil sie über die gesellschaftlichen Bedingungen (z.B. Frauenbilder in der Werbung und Berufschancen) nicht verfügen können.

Kollektive Haut

Gesellschaftliche Veränderungen im Zugriff auf Sexualität werden vor allem an Mädchen sichtbar, meinte die Wissenschaftlerin Dr. Anne Schwarz vom Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung. Sexualität als soziales Konstrukt werde immer wieder neu in Szene gesetzt. Mädchen und Jungen müssten die zu ihnen passende „Haut" suchen. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Ansichten 12- bis 15-jähriger Mädchen aus Hauptschulen und Gymnasien. Ihr Fazit: In der aktiv gestalteten Sexualität entwerfen Mädchen ihre Identität selbst und befinden sich untereinander in einem permanenten Austausch. Auch für sie ist Sexualität ein Kristallisationspunkt der Macht, an dem sie die eigene Position in der Beziehung klären können. Mädchen ergreifen die Initiative und verweigern sich nicht selten den Spielregeln von Jungen. Trotzdem unterstellen sich Mädchen und ihre Freundinnen dem kulturellen Homosexualitätstabu und verzichten auf körperliche Kontakte. Klug achten sie jedoch darauf, untereinander Legitimationen für Berührung herzustellen, z.B. wenn eine von ihnen traurig ist. Auf ihrem Weg zu einer „posterotischen Erlebniswelt" erleben die Mädchen zunächst eine Realität, in der Sexualtechniken weniger wichtig sind als lebendige Beziehungen und in der Sexualität deutlich hinter Musik hören, Shopping etc. rangiert. An zweiter Stelle steht die Welt der Filme, Zeitschriften, fantastischen Träume, die sie genießen, ohne sich selbst als defizitär zu erleben. Ein dritter Bereich ist für Anne Schwarz die Welt der Rave-Events, die die Mädchen als Selbstinszenierung wahrnehmen, in der sie lustbetont und offensiv agieren und das betont sinnliche Erleben des eigenen Körpers in den Mittelpunkt stellen: „Trotzdem strahlen sie eine Unberührbarkeit aus, die die männlichen Raver wahren." Mädchen begründeten diesen Schutzraum in ihrer Untersuchung mit der Anwesenheit vieler Schwuler und der Friedfertigkeit der Raver. Aussagen waren zum Beispiel: „Hier wirst du als Mensch angesprochen" und „Es ist total egal, ob du schwul, hetero oder lesbisch bist". Anne Schwarz: „Die erotische Inszenierung der eigenen Haut wird zu einer Suche nach der kollektiven Haut."

Spannende Thesen, die engagierte Diskussionen anregten - bis ein „echtes Mädchen" hereinkam und sich als „Mädchen aus dem Gruppenraum neben dem Schlachter im Nachbardorf" vorstellte, die es „echt total gut" fand, dass die Frauen hier über Mädchen redeten. Leider hätte sie die kleinsten Brüste von allen, und deshalb die Wette verloren, worauf sie in den Tagungssaal geschickt worden sei. „Unter uns, meine Brüste find ich ganz okay, aber mein Arsch ist das Hinterletzte!"

Als die junge „Kundschafterin" (von „art und weise" aus Münster) den Saal verlassen hatte - um ihre Mädchengruppe zu informieren -, wies Dr. Yvonne Fritzsche anhand der 13. Shell-Jugend-Studie darauf hin, dass Attraktivität für 60% der befragten Jugendlichen ganz wichtig sei. Sie wollten „auch in 20 bis 30 Jahren noch gut aussehen".

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„Barbie lebt"

Wo schon die Eingangsvorträge zur Diskussion angeregt hatten, ging es in den sieben Workshops erst recht hoch her. Hier wechselten zahlreiche Referate mit Praxisberichten ab, unterstützt und moderiert durch Fachfrauen aus dem Vorbereitungsgremium. Workshop 1 zum Körperbild, „Barbie lebt - Über Körper, Schönheit und Diäten", griff u.a. das Thema Attraktivität auf. So berichtete etwa die Essener Professorin Annette Boeger, dass die größte Körperzufriedenheit bei frühreifen Jungen herrsche. Sie würden durch ihre Eltern mit mehr Rechten ausgestattet, bestärkt und als Peer Leader von Gleichaltrigen, aber auch von Erwachsenen, anerkannt. Die geringste Zufriedenheit äußerten dagegen frühreife Mädchen, bei denen die Menarche noch vor dem Durchschnittsalter von 12,8 Jahren einsetzt.

„Hauptsache, man hat was"

Im Workshop 2 ging es dann im engeren Sinne um „Meine Sache - Lebensentwürfe von Mädchen". Ein Beispiel: Monika Friedrich, Professorin an der Universität Münster, berichtete von ihren Interviewserien mit 47 jungen Schwangeren und Müttern im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Wie haben sich ihre Lebensentwürfe durch die (ungeplante, aber gewollte) Schwangerschaft verändert? Die größte Gruppe der „Konstanten" will die Schulausbildung weitermachen und arbeiten gehen. „Ich will Friseurin werden," zitierte Friedrich die 16-jährige Nancy, „dann passt meine Mutter vormittags auf das Kind auf und nachmittags ich. Friseurin ist mein Traumberuf, aber Hauptsache, man hat was." Die zweitgrößte Gruppe der „aktiv Realistischen" hat die eigenen Lebenspläne selbst als Flausen eingestuft. Die 17-jährige Kristin hat ihr Berufsvorbereitungsprogramm während der Schwangerschaft durchgehalten: „Die Kitas haben nur bis 14 oder 16 Uhr auf. Also muss ich einen Beruf finden, wo ich höchstens bis 15 Uhr arbeite." Zum dritten Typus rechnet Friedrich die „resignativ Realistischen" wie die 18-jährige Ophelia: „Auf jeden Fall mache ich die Schule zu Ende. Ich will nicht nur den ganzen Tag mit meinem Kind sein, das erfüllt mich nicht." Beim 2. Interview nach der Geburt einige Monate später steckte Ophelia tatsächlich mitten im schriftlichen Abitur. Die 17-jährige Eileen gehört zum 4. Typus der „Stabilisierten", denen es ein Horror ist, von Sozialhilfe abhängig zu sein: „Ich muss mir eine Lehre suchen, wo ich Geld verdienen kann. Krankenschwester vielleicht, aber die nehmen eine ja nicht gern mit Kind." Monika Friedrich: „Manche haben ein hohes Maß an Verantwortung entwickelt. Das schlägt sich in einer realistischen Planung bezüglich ihres Berufs nieder. Sie brauchen eine ihre Lebenswelt unterstützende Begleitung und fordern sie zum Teil kritisch ein." Die dritte Interviewserie soll stattfinden, wenn die Kinder zwischen ein bis anderthalb Jahre alt sind, so dass weitere Veränderungen in der Lebensplanung der jungen Frauen erforscht werden können.

Mit Dias und Originalaufnahmen von Babygeschrei stellten Anneke Garst und Iris Schöning „Casa Luna" vor, ein Wohnprojekt für junge Schwangere und Mütter in Bremen. Sie stammen aus Familien, in denen das Unterstützungspotential gering ist. Viele von ihnen kannten Sexualität sehr früh und verbunden mit Gewalt. Wichtig sei, ihnen zeitweise auch die Trennung von ihrem Kind zu ermöglichen, denn die Mädchen hätten ihre eigene Jugendlichkeit noch kaum erlebt. So müsse ein Mittelweg gefunden werden, bei dem weder das Kind noch die Jugendliche zu kurz komme.

Plädoyer für Peers in der Behindertenarbeit

Im Workshop 3 „Mittendrin trotz Handicap" ging es um Mädchen mit Behinderungen, die ihre Adoleszenz als besonders verunsichernd und beängstigend erleben. Seit einigen Jahren entwickeln Fachfrauen aus der Mädchenarbeit Konzepte und Modelle auch für die sexualpädagogische Arbeit mit dieser Zielgruppe. Ein schwieriges Problem sind in diesem Zusammenhang oft die Eltern, die entweder störend oder unterstützend in die Arbeit der Pädagoginnen einwirken können. Elternarbeit müsse parallel laufen, nicht automatisch aber von derjenigen gemacht werden, die mit den Mädchen (und Jungen) arbeitet, betonte u.a. Franziska Swars vom Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte. Kathrin Ziese  vom Verein Mixed Pickels in Lübeck hingegen erlebt die Eltern oft als die stärksten Anwälte der Mädchen. Brigitte Frey stellte das Konzept von Pro Familia Nürnberg für eine sexualpädagogische Fortbildung von Mitarbeiterinnen in Einrichtungen für Mädchen und Frauen mit Behinderung vor. Ein Thema: Angenehme Worte („Venushügel") und emotional negativ besetzte (z.B. „Euter") auszusprechen und zu sortieren: „Die Mädchen sind z.T. viel offener als die Mitarbeiterinnen.

Sie reden so erfrischend genau und selbstverständlich über Sexualität, das habe ich in meiner ganzen Arbeit nicht erlebt!" Nicole Przytulla plädierte dafür, auch in der Sexualpädagogik mit Behinderten das Peer-Modell anzuwenden. Von einem der Mädchen-Workshops, die sie angeleitet hatte, berichtete sie: „Eine Betreuerin wollte auch teilnehmen, und ich habe sie rausgeworfen. Für die Mädchen war dieser Akt sehr bedeutsam, dass ich als eine behinderte Frau den Nichtbehinderten ihre Grenzen zeige."

Holzpenis und Jungfernhäutchen

„Wo kommst du eigentlich her? - Chancen interkultureller Mädchenarbeit" hieß es im Workshop 4. Meral Lenz hatte ihr Baby zur Tagung mitgebracht, aber gut versorgt in Männerhänden gelassen. Die einzige Migrantin unter 13 MitarbeiterInnen im Lore-Agnes-Haus der Arbeiterwohlfahrt in Essen ist dort auch für den Fachbereich Migration zuständig und stellt fest: „Es fehlt an Materialien für die sexualpädagogische Arbeit mit türkischen Mädchen. Ich habe alle Folien selber gemacht und mit türkischen Bezeichnungen versehen." Und so zeigt sie den Mädchen, dass der Penis nicht aus Knochen besteht, benutzt aber nicht den großen Holzpenis aus dem Aufklärungskoffer, weil er die Angst vor dem ersten Mal nicht abbaut. Und sie klärt Mädchen und Mütter über die Beschaffenheit des Jungfernhäutchens auf und darüber, dass man es „reparieren" lassen kann, falls es eingerissen ist. Provozierend gemeinter Hinweis von Theda Borde vom Internationalen Bildungs- und Beratungszentrum für Frauen und ihre Familien in Berlin dazu: „Was ist das Ziel dieser kulturstabilisierenden Arbeit? Wo sind die Grenzen der Beratung?" Für Meral Renz geht es darum, dass die Mädchen zufrieden sind. Zweisprachigkeit ist Trumpf bei der Aufklärung: „Denn ich kann springen und kenne die Worte in Deutsch oder Türkisch, die die Mädchen benutzen. Was sie in der Schule lernen, ist oft deutsch. Von der Mutter kennen sie türkische Begriffe." Lucyna Wronska von der Senatsverwaltung Berlin trug ihre Erfahrungen aus der Peer Education im interkulturellen Kontext vor. Sie berichtete von 14-jährigen Russinnen, für die andere, weniger „schützende" Gebote gelten als für viele Türkinnen, und die „gezwungen" waren, mit Jungen zu schlafen, und dies mit zusammengebissenen Zähnen auch taten.

Scheinliberalisierung?

Lesbische Liebe stand im Mittelpunkt von Workshop 5 „Und wenn's ein Mädchen ist?" Die neue Vätergeneration sei aufgeschlossener als die alte, wenn eine Tochter ihr Coming- out hat, berichteten die Pädagoginnen. Trotzdem ist gerade die Sexualität nicht unbedingt das wichtigste Thema für junge lesbische und bisexuelle Frauen, so Gabriele Herwig über eine Studie der Berliner Senatsverwaltung.

Das lesbische und schwule Schulprojekt FLUSS Freiburg geht in die Klassenzimmer und trennt Mädchen und Jungen bei der Aufklärung. Sämtliche Fragen werden offen beantwortet, aber die  persönlichen Grenzen der AufklärerInnen werden dabei eingehalten: „Wenn eine von uns gerade eine Trennung durchmacht, beantwortet eher die andere die Fragen nach dem konkreten Sex im Bett", erzählt Gisela Wolf. „Wir achten darauf, Lesben nicht als arme, diskriminierte Minderheit darzustellen!" Doch in die Schulen zu kommen, sei gar nicht so leicht, weil viele LehrerInnen, SchulrätInnen und Regierungsverantwortliche Arbeit zum Thema Homosexualität ablehnten. Fazit: Die Scheinliberalisierung lesbischer Sexualität ist gestiegen, die Akzeptanz jedoch nicht. Gut sei, dass die BZgA Lesben an der Fachtagung „Meine Sache" beteiligt hätte. Mehr Möglichkeiten an Materialien, Geld und Stellen sowie begleitende Forschung werden gewünscht. Imi Paulus vom „Anyway" in Köln:
„Da sitze ich nun in meinem lesbisch-schwulen Jugendzentrum und sollte ganz schön glücklich sein, aber wenn sich nur 3 Prozent der Jugendlichen aufgeklärt fühlen, dann muss mehr getan werden!"

Übergriffe gegen das Powergirl

Während vor einigen Jahren die Gewaltprävention und die Arbeit mit den Opfern sexueller Gewalt eher von einem Defizitmodell ausging, finden sich in der heutigen Praxis zunehmend Konzepte, die an den Stärken der Mädchen ansetzen und diese fördern. Im Workshop 6 „Echt Stark - Neue Wege in der Gewaltprävention" gab es reichlich Arbeit und auch Lust auf Streit, aber viel zu wenig Zeit - bei sieben Vorträgen und Praxisberichten zu einer Vielzahl unterschiedlicher Ansätze. Geht es um Prävention, Elternarbeit, gewalttätige oder partnerschaftliche Geschlechterverhältnisse insgesamt? Um sexuelle Belästigung? Werden die Mädchen gesehen, die leichte Übergriffe als Alltagserfahrung erleben und nicht problematisieren? Wie äußert sich sexuelle Aggression in den Beziehungen von Mädchen? Wie bekommt das „Powergirl" Lust darauf, ein Mädchen zu sein? Gewaltprävention braucht in ihrer Vielfalt ein übergreifendes Konzept. Hier bietet sich zum Beispiel das Konzept der Gesundheitsförderung an mit einer Kompetenzstärkung, die an der Lebenswelt der Mädchen ansetzt, betonte die Psychotherapeutin Regina Knop aus Rostock.

Innovative Projekte

„Es geht auch anders!" als Titel von Workshop 7 versprach innovative Ansätze und neue Medien  in der (sexualpädagogischen) Mädchenarbeit. Vorgestellt wurden u.a. das „Love Tour"-Projekt des DRK als mobiles sexualpädagogisches Angebot in Ostdeutschland, „Trinetta" und die „Zickenpost" als Internetangebot des Mädchenhauses in Düsseldorf, das Mädchentelefon von Pro Familia Bonn und die Evaluation von SEXTRA, der E-Mail-Beratung im Internet von Pro Familia Tübingen/Reutlingen.

Vom Rand in die Mitte

Den Abschlussvortrag im Plenum hielt Margitta Kunert-Zier aus Frankfurt/Main. Für die Erziehungswissenschaftlerin gehört geschlechtsbewusste Pädagogik in die Standards der Pädagogik, nicht in den Bereich des Besonderen in der Erziehung: „Ich wünsche mir starke und zarte Jungen, aber auch starke und zarte Mädchen." Und da setzte dann auch die Diskussion im Plenum noch einmal ein: Ulrike Graff von der LAG Mädchenarbeit in NRW formulierte diese Aussagen um. Nicht nur Koedukation, auch geschlechtshomogene Räume seien die reale Welt, meinte die Bielefelder Pädagogin. Sie wolle deutlich machen, dass die Koedukation ebenso wie die geschlechtshomogene Arbeit Organisationsformen von Pädagogik seien, die Mädchenarbeiterinnen zur Verfügung stünden.

Keineswegs wolle sie die Mädchenarbeit diskreditieren, so die Antwort von Kunert-Zier. Doch es sei nötig, deren Erkenntnisse bewusst aus den getrennten Räumen herauszutragen und „öffentlich stark präsent zu sein, auch mit den Kulturen der Mädchen"! Wichtig sei die Kommunikation.

In den eigenen Räumen zu bleiben sei weiblich, sie dagegen wolle Mädchen und Frauen in die Mitte der Gesellschaft rücken.

Auf den Hinweis, dass die Öffnung der Mädchenräume für Jungen andere Mädchen (bzw. Migrantinnen) ausschließen könne, entgegnete sie, dass der Mädchentreff Neukölln die zeitweilige Öffnung erprobt habe und die Mädchen die Jungen selber eingeladen hätten. Doch gerade hier, so ein Einwand aus dem Plenum, hätten die Mädchen inzwischen wieder die Türen für die Jungen verschlossen. Auch das Gegeneinanderstellen von Migrantinnen und Mädchen insgesamt sei problematisch. Da müsse dringend auch in der Forschung ,was passieren'. Zustimmung gab es ebenso für Gabriele Bültmann, Autorin der Expertise „Sexualpädagogische Mädchenarbeit". Sie wies darauf hin, dass ja auch die Mädchenpädagoginnen verschieden seien, und es eben somit einige gebe, die besser mit Mädchen und Jungen arbeiteten, und andere täten dies eben ausschließlich mit Mädchengruppen. Unterstützung für diese Position fand sie bei Birgitta Wrede vom Interdisziplinären Frauenforschungs-Zentrum der Universität Bielefeld und bei Marita Ingenfeld von der Fachstelle Mädchenarbeit NRW in Gladbeck: Wichtig sei, sich miteinander auszutauschen. Defizite gebe es gewiss auf der Seite der Lehrenden, sie müssten sich in Richtung der aktuellen Entwicklungen in der Jugendarbeit bewegen.

109 Entenbrüstchen

Bewegung wurde dann gleich in die Tat umgesetzt, als die „Walking Acts" Ursula Hölscher und Alexandra Loebe „aus dem Hessischen" auf die Bühne schritten und ein satirisch-liebevolles Resümee der Tagung zogen: 142 Teilnehmerinnen und zwei Männer; in letzter Minute abgesagt hätte leider Ursula S., weil sie Stress hatte mit ihrer posterotischen Tochter, und verzehrt worden seien 109 Entenbrüstchen und 256 Liter Kaffee. Zu den Schlagwörtern der Tagung zählten die Schauspielerinnen die „postfeministische Trockengrotte", an zweiter Stelle das Wort „Posterotik" und auf Platz Nummer 3 die „Peers". Alexandra Loebe, als Girlie diesmal mit Kleid und Federboa, kam dann auf ihr Thema am ersten Tag zurück. Zu der Melodie von Gershwins ,Summertime' sang sie die Ballade vom „Mädchensein, das ist gar nicht so einfach... gar nichts ist easy, am Strand sind alle topless, doch mein Busen ist zu klein..."

Keine einfachen Botschaften

Cornelia Helfferich leitete die Abschlussrunde, in der alle Workshop-Leiterinnen die Ergebnisse und Forderungen der Diskussionen zusammenfassten. „Es gibt keine einfachen Botschaften mehr", betonte sie. „Was wird also vermittelt?"

„Maßstab sind die Mädchen und ihr subjektives Erleben. Mädchenarbeit war schon immer vielfältig", antwortete Birgitta Wrede für Workshop 2. „Lesbische Mädchen sind sichtbarer geworden, und das muss weiter unterstützt werden", betonte Ulrike Graff für Workshop 5. Lesben brauchten eigene Räume und Räume mit heterosexuellen Mädchen gemeinsam. Durch die gestiegene Sichtbarkeit sei auch mehr offene Diskriminierung möglich geworden.

Tina Kuhne vom Workshop „Mädchen mit Behinderung" legte Wert auf Empowerment und den Einsatz von Peers in der Sexualpädagogik. Mädchen mit Behinderung würden als „Modethema" verstärkt wahrgenommen, aber ob sie wirklich im Mittelpunkt all dieser Vielfalt stehen wollten, müsse man sie selbst fragen.

„Keine neuen Fragen, weil die alten noch nicht geklärt sind", war ein Fazit im Workshop 3. „In der Behindertenpädagogik muss klargemacht werden, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt", forderte Tina Kuhne. Innovationen setzen scheinbar bei Sachen an, die bei anderen kein Thema waren. Es muss legitim sein, dass behinderte Mädchen einen Kinderwunsch haben und darüber sprechen dürfen. Filme seien oft ungeeignet, weil „zu schnell", Gynäkologinnen müssten qualifiziert werden und die Vernetzung von behinderten mit anderen Fachfrauen gefördert werden.

Interkulturelle Sexualpädagogik gebe es bisher nur vereinzelt, stellte Daniela Milutin für Workshop 4 fest. Sie fasste die Bedingungen interkultureller Pädagogik so zusammen: Wenn Menschen mit mindestens zwei unterschiedlichen Normen- und Wertsystemen bereit seien zum Austausch; wenn Vielfalt akzeptiert würde; wenn interkulturelle Mitarbeiterinnen-Teams vorhanden seien; wenn ein respektvoller und zugleich kritischer Austausch von Wertmaßstäben möglich sei und wenn entstigmatisiert statt stigmatisiert würde, dann sei interkulturelle Pädagogik möglich. Diese Erkenntnisse müssten in die Sexualpädagogik übertragen werden.

„Mehr begleiten als bevormunden und an den Lebenswelten der Mädchen ansetzen", war das Fazit von Workshop 7. Die Anti-Gewaltarbeit (Workshop 6) müsse die Vielfalt im subjektiven Erleben der Mädchen berücksichtigen. Problematisch sei hier, meinte Regina Knop, dass Förderung am Defizitmodell ansetze, die neue Botschaft jedoch das Modell sei, das von der Kompetenz ausgehe. Lust und Last der Pubertät stehen für die Mädchen nebeneinander, betonte Anja Wilser für Workshop 1. Wichtig sei, mit der Potenz der Mädchen zu arbeiten und sie diese Potenz spüren zu lassen.

Neue Perspektiven

„Geht die Vielfalt nunmehr soweit, dass jedes Mädchen seine eigene Pädagogik braucht?", fragte Cornelia Helfferich. Die klarsten Botschaften hätten offenbar diejenigen, die mit ausgegrenzten Mädchen arbeiten. Was aber sei an neuen Perspektiven vorhanden?

Für Daniela Milutin von Workshop 4 ist die interkulturelle Sexualpädagogik die Sexualpädagogik der Zukunft. Allein in Nordrhein-Westfalen werden im Jahr 2010 schon 40 Prozent der GrundschülerInnen einen MigrationsHintergrund haben, betonte sie. Um so wichtiger sei es, jetzt Konzepte zu entwickeln. Getrennte und gemeinsame Aufklärung sei nötig, und die Eltern sollten nicht als „Feinde" der Aufklärung stigmatisiert werden. Broschüren müssten so einfach gestaltet sein, dass sie auch für nicht-alphabetisierte Migrantinnen brauchbar seien.

Regina Knop (Workshop 6) betonte den großen Diskussionsbedarf um die Differenzierung nach Gewaltformen und die Notwendigkeit der Öffnung zwischen Theorie und Praxis.  Birgitta Wrede (Workshop 2) trug die Forderung vor, in Zukunft auch Mutterfantasien und die Sehnsucht nach einer Schwangerschaft zum Thema der Sexualpädagogik zu machen.
Anja Wilser sprach die kontroverse Debatte zum Thema Körper in Workshop 1 an, wonach Mädchenarbeit die Zweigeschlechtlichkeit reproduziere. Angesichts der starken Polarisierung zwischen Theorie und Praxis sprachen sich die Teilnehmerinnen für eine vertiefende Tagung zur Gender-Diskussion aus.

Die Bewertung des Einsatzes neuer Technologien in der Mädchenarbeit war nicht einhellig. Lange Diskussionen entstanden in Workshop 7 darüber, welche Veränderungen die neuen „Technikgeister" auch bei ethischen Entscheidungen mit sich bringen. Plötzlich ist eine Beratungsstelle keine regionale mehr, weil ihr Internetangebot von aller Welt abgerufen wird. „Und wird sie mit den Anfragen fertig?", fragte Gabriele Bültmann. Auf der anderen Seite könnten auch tradierte Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Theaterpädagogik, neu genutzt werden.

Informationen für lesbische Mädchen

Nicht Gespräche über Sexualpädagogik standen im Mittelpunkt des Workshops 5 über lesbische Mädchen, sondern die Frage: „Wie komme ich in der Welt zurecht?" Nach einer Berliner Studie lebten nur 8 Prozent der lesbischen Mädchen offen, berichtete Ulrike Graff. Die anderen seien damit beschäftigt, ihr Leben zu regeln und herauszufinden, wo sie sich zeigen könnten. Auch lesbische Mädchen seien traditionell sexualisiert und müssten innerhalb bestehender Beziehungen ihre Rollen klären. Das könne eine Chance sein, habe aber auch verlangsamende Wirkung. Deshalb sei gezieltes Informationsmaterial für lesbische Mädchen besonders wichtig.

Was ist zu tun?

Fazit von Cornelia Helfferich: Die Veränderung der Lebenswelt der Mädchen verlangt neue Kompetenzen für die Mädchenarbeit. Viele alte Fragen sind aber noch offen. Haben sich die Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen verändert? Was ist zu tun?

Für Birgitta Wrede ist die geschlechtsbezogene Arbeit weiterhin ein Thema der Mädchenarbeit. Als Ergänzung müsse die Sensibilisierung der Pädagogen für die Jungenarbeit gesteigert werden. Auch machten zahlreiche Mädchen ihre Lebensentwürfe gemeinsam mit ihrem Freund. Anja Wilser (Workshop 1) sah es ähnlich: „Immer mehr Modelle werden ersonnen, wie es nach der Trennung zur Begegnung kommen kann. Der Bedarf über Kreuz ist da. Es gibt ein Austausch- und ein Wissensbedürfnis." Lesbische Mädchen und schwule Jungen haben im Grunde nichts miteinander zu tun, stellte Ulrike Graff (Workshop 5) fest. Lesbische Sexualität hingegen sollte Thema in allen Einrichtungen der Mädchenarbeit, der Jugendhilfe, der Schule, des Gesundheitswesens und Teil jedes sexualpädagogischen Handelns sein. Sozial benachteiligte Mädchen, Migrantinnen und behinderte Mädchen müssen verlässliche Angebote der lesbischen Mädchenarbeit erhalten. Auch ein „Social Spot" über Lesben sei hilfreich. Aus Workshop 7 ergab sich zusätzlich die Forderung nach Fachtagungen zu „Mädchen und Medien" und zum Thema „Koedukation".

In seinem Schlusswort bedankte sich Harald Lehmann von der BZgA für die gute Arbeitsatmosphäre bei der Tagung und verwies auf Überschneidungen vieler Beiträge zur Persönlichkeitsentwicklung junger Mädchen (und Jungen) mit dem Konzept der Gesundheitsförderung. Sein Vorschlag: beides zu verbinden, die Ambivalenzen aufzugreifen und mit ihnen zu arbeiten. 

Autorin

Marianne Lange
Marianne Lange ist Diplomvolkswirtin und Mediatorin. Sie arbeitet als freie Journalistin u.a. zu den Schwerpunktthemen Frauenpolitik, geschlechtsspezifische Erziehung, Lesben und Schwule. Außerdem leitet sie Seminare in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.mehr

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

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