Männer heute: Geschlechteridentitäten und Verhaltensmuster.
Zentrale Ergebnisse einer Repräsentativbefragung
2007 befragte das sozialwissenschaftliche Institut Sinus Sociovision im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 1435 Männer zu ihren Männlichkeitsbildern, ihrer Einstellung zum Thema Gleichstellung und ihrer tatsächlichen Beteiligung an Hausarbeit und Kinderbetreuung. Der folgende Beitrag fasst einige zentrale Ergebnisse dieser Repräsentativuntersuchung (vgl. Wippermann et al. 2009) zusammen.
Einführung
Populäre Zeitdiagnosen stellen oft fest: Männer haben heute zwar noch Pfründe, aber sie sind in einer Krise, sind häufig in der Defensive und auf der Suche nach Orientierung. Daran schließen sich Fragen an wie: Sind Männer heute angesichts der »neuen F-Klasse« (Dorn 2006)1 und der selbstbewussten »Frauen auf dem Sprung« (Allmendinger 2009) irritiert und gleichzeitig herausgefordert zum Aufbruch ins Ungewisse und scheinbar Unattraktive (der Hausarbeit und Kinderversorgung)? Sind Männer gar zutiefst verunsichert? Sind sie angesichts ihrer überkommenen und erodierenden Rollenidentität, trotz der vielfältigen gesellschaftlichen Diskussion, bisher vergeblich auf der Suche nach einem neuen Männerleitbild? Führt das Selbstbewusstsein emanzipierter (post-)moderner Frauen zu einer Identitätskrise des männlichen Geschlechts? Tauscht das vormals »starke Geschlecht« mit dem vormals »schwachen Geschlecht« die Rollen?
Solche Fragen sind derzeit aktuell. Beantwortet werden sie in der Regel wie folgt: Heute sind Frauen selbstbewusst, dynamisch und mit klaren Zielen in der Offensive. Männer hingegen reagieren zunehmend verunsichert, sind zwischen mehreren unvereinbaren Zielen hin- und hergerissen, in einer Krise ihrer (Geschlechts- und Partnerschafts-)Identität sowie ihrer Rollen in Familie, Beruf, Vereinen etc. Während man Frauen sukzessive den Weg ebnet, um Familie und Karriere zu vereinbaren und um die noch bestehende »gläserne Decke« für den beruflichen Aufstieg in Führungspositionen zu durchbrechen, sollen Männer neben ihrer Pflicht als (Haupt-)Ernährer mehr für die Erledigung im Haushalt tun, mehr für die Kinder da sein, klassische »weibliche« Eigenschaften bei sich entdecken und zeigen, aber auch weiter ihre männlichen Attribute behalten. Man hat den Eindruck, Frauen seien auf dem Weg zu Gleichstellung und zu einer ganzheitlichen Identität bereits wesentlich weiter als Männer, die in diesem Prozess noch recht am Anfang stehen.
Aber wird dieser Diskurs der Alltagswirklichkeit gerecht? Sicher hat sich im Selbstbild und Lebensentwurf der Männer etwas getan. Im Zuge der Frauenbewegung wurden nicht nur die tradierten Leitbilder von Weiblichkeit aufgebrochen, auch das traditionelle Männlichkeitsmodell geriet mehr und mehr in den Fokus des öffentlichen Diskurses. Die Einschätzung sich weiter wandelnder Rollenbilder mündete in der Rede vom »neuen Mann«, der sich deutlich distanziert von der patriarchalischen Rolle des unangefochtenen Familienoberhaupts, des einzigen Ernährers und Entscheidungsträgers der Familie. Aber: Es bedarf keiner starken soziologischen Lupe, um zu erkennen, dass das traditionelle Männerbild nicht gänzlich aus der Gesellschaft verschwunden ist.
Das Sinus-Institut hat im Auftrag der Abteilung »Gleichstellung« des BMFSFJ daher auf breiter empirischer Basis
- 1. das Spannungsfeld an Männlichkeitsbildern und – damit eng verknüpft – Einstellungen zur Gleichstellung von Männern und Frauen aus der subjektiven Perspektive der Männer untersucht,
- 2. die Verhaltensmuster von Männern in Bezug auf Haushaltsaufgaben erforscht und
- 3. in den Blick genommen, inwiefern sich die Einstellung der Männer auch im Verhalten – konkret: bei den alltäglichen Haushaltsaufgaben – niederschlägt.
Dieser Artikel fasst einige zentrale Befunde dieser repräsentativ angelegten Studie zusammen.2
Dominante Geschlechteridentitäten bei Männern heute
Die Untersuchung der derzeit dominanten Geschlechteridentitäten zeigt ein breites Spektrum an »Männertypen«. Auf Basis der standardisierten Befragung konnten vier Haupttypen identifiziert beziehungsweise quantifiziert werden:
- starker Haupternährer der Familie (23%)
- Lifestyle-Macho (14%)
- moderner »neuer« Mann (32%)
- postmodern-flexibler Mann (31%).
Die beiden erstgenannten Typen reproduzieren nach wie vor ein traditionelles Geschlechterverständnis. Die fortschrittlichen Typen 3 und 4 machen jedoch die Mehrzahl der Männer aus (über 60%), sie stehen in Opposition zum traditionellen Männerbild und stellen Manifestationen der Chiffre vom »neuen Mann« dar. Die Typenbezeichnungen vermitteln eine Ahnung, worum es diesen Männern geht. Ein wichtiger Befund ist, dass die – bisweilen populäre – Zweiteilung »traditioneller Mann versus moderner Mann« zu kurz greift und der komplexen Wirklichkeit der Männer und ihrer Entwicklung nicht gerecht wird.
Tabelle 1 gibt einen Überblick darüber, was für die jeweils identifizierten Typen einen sympathischen Mann beziehungsweise eine sympathische Frau ausmacht, wie die Einstellung zur Gleichstellung bei den einzelnen Typen ist und in welchen gesellschaftlichen Segmenten sie vorwiegend zu finden sind.
Tab. 1: Dominante Geschlechteridentitäten heute (aus Sicht der Männer)
Zum Vergrößern der Bilder auf das Vorschaubild klicken (öffnet ein neues Fenster)
Betrachtet man die Verteilung dieser vier Basistypen, dann überrascht, dass der traditionell anmutende Typus des »starken Haupternährers der Familie« nurmehr bei knapp einem Viertel der Männer das Leitbild ist. Wichtig ist festzustellen, dass der Prozess der Emanzipation und des Wandels von Rollenbildern bereits einige Dekaden dauert, dass es aber weiter einen vermeintlichen »Anti-Typus« gibt, der hier als »Lifestyle-Macho« charakterisiert ist. Es wäre zu kurz gegriffen, diese Männer vorschnell als »Relikte« oder »Unverbesserliche« zu diskreditieren. Die Tatsache, dass eine große Gruppe von 14% aller Männer dieses Leitbild hat und diese Männer sich keineswegs nur in der Unterschicht, sondern auch – und gerade – im gehobenen Segment der Gesellschaft befinden (aber kaum in der Mitte), muss nachdenklich stimmen und führt zur Frage, welche Funktion dieses Leitbild hat und warum es gerade heute so attraktiv ist.
Die medial und wissenschaftlich derzeit inflationär kolportierte Rede vom »modernen neuen Mann« ist keineswegs eine Schimäre, sondern hat ein Fundament in der Wirklichkeit der Männer. So verheißungsvoll wie diffus dieses Leitbild auch noch ist: Ein Drittel aller Männer zeigt eine starke Orientierung in diese Richtung. Von diesem »neuen Mann« aber zu unterscheiden ist ein Typus, der in der medialen Öffentlichkeit bisher kaum beschrieben und von der (alten wie neuen) Frauenbewegung schon gar nicht für sich reklamiert wird. Wir haben diesen Männertypus als »postmodern-flexibel« bezeichnet. Damit soll signalisiert werden, dass diese Männer sich – wie die neuen Männer – auf einer Reise befinden, aber eben nicht mehr nach der Maxime, dass es ein konsistentes und für alle Lebenslagen und Alltagssituationen verbindliches Selbstbild und Rollenmuster geben müsse und das Ziel bereits feststehe.
Männer im Haushalt: Verhaltensmuster
Im Hinblick auf die Rollenaufteilung bei Haushaltsaufgaben lassen sich verschiedene »Verhaltenstypen« identifizieren beziehungsweise quantifizieren. Im Unterschied zu den etwa gleich verteilten prozentualen Anteilen bei der Typologie der Geschlechteridentität fällt auf, dass sich die Anteile bei den Verhaltenstypen deutlich stärker unterscheiden (s. Tab. 2).
Der in der Gesellschaft derzeit dominante Verhaltenstypus ist der der »selektiven Mitarbeit zur Entlastung der Frau« (49%): Hier ist die Frau die Hauptzuständige im Haushalt, der Mann übernimmt unterstützende Tätigkeiten. Davon betroffen sind jedoch weniger die »klassischen Hausfrauentätigkeiten«: Unterstützung erfahren die Frauen solcher Männer eher auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung und der Kinderbetreuung beziehungsweise Kindererziehung. Dabei sind diese selektiven Unterstützungsleistungen keineswegs nur spontan und situativ, sondern innerhalb der Partnerschaft und Familie meistens institutionalisiert in Form von Zuständigkeiten und Routinen.
Am zweithäufigsten ist die traditionalistische Delegation (26%) verbreitet. Hier überträgt der Mann fast alle Aufgaben im Haushalt nach traditionellem Rollenmuster an seine Partnerin. Es gibt nur wenige, dafür »exklusive« Sphären des Engagements (Technik, handwerkliche Reparaturen, Vermögensverwaltung). Aber auch jüngere Männer praktizieren – gerade nach der Familiengründungsphase – eine traditionelle Rollenteilung, obwohl diese nicht ihrem Selbstbild und Partnerschaftsideal entspricht.
Nur 7% der Männer ab 18 Jahren leben eine gleichgestellte Arbeitsteilung. Die »klassischen Hausfrauenarbeiten« (Kochen, Putzen, Waschen, Aufräumen etc.) sind hier zu »Partnerschaftstätigkeiten« geworden, denn beide erledigen diese zu etwa gleichen Anteilen.
Ein weiterer Typ sind die »Single-Versorger« (18%): Hierzu zählen Männer, die allein, in einer Wohngemeinschaft oder noch bei den Eltern leben sowie Alleinerziehende.
Zusammenhang von Selbstbild und Verhalten
Tab. 3: Zusammenhang Verhaltenstypen und Geschlechteridentitäten
Zum Vergrößern der Bilder auf das Vorschaubild klicken (öffnet ein neues Fenster)
Tabelle 3 zeigt für die einzelnen Typen der Geschlechteridentität von Männern, welche Verhaltensmuster sich darin jeweils finden, welche unterdurchschnittlich und welche überdurchschnittlich repräsentiert sind:
Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen dem mentalen Selbstentwurf von Männern und ihrem Leben in Partnerschaft, Familie und Haushalt. Gleichzeitig zeigen sich auffällig viele Brüche und Inkonsistenzen: Man kann von der bekundeten Geschlechteridentität eines Mannes nicht eindeutig auf sein Engagement im Haushalt schließen.
Wenig überraschend ist, dass überdurchschnittlich viele Männer des Typs »Traditionelle Haupternährer« sowie „Lifestyle-Machos« die Hausarbeit an die Frau delegieren. Aber: Diese Männer mit einem traditionellen Männerbild sind zwar noch weit von einer gleichgestellten Praxis bei der Erledigung der Hausarbeit entfernt, unterstützen jedoch in der relativen Mehrheit bereits ihre Partnerinnen selektiv im Haushalt.
Beim »modernen neuen Mann«, der seine Mann-Identität selbstbewusst als fortschrittlich und auch visionär begreift, ist die gleichgestellte Erledigung der Hausarbeit keineswegs der Normalfall. Zwar praktizieren diese Männer Gleichstellung natürlich mehr als viele andere Männer, aber es dominiert bei der Hausarbeit die selektive Entlastung der Partnerin. Selbst eine Delegation der Hausarbeit nach traditionellem Muster kommt relativ häufig vor – auch wenn diese weltanschaulich und ideologisch abgelehnt wird. Insofern sind viele Männer, die sich am Leitbild des modernen neuen Mannes orientieren, in ihrer Einstellung weiter als in der Praxis.
Es gibt eine hohe empirische Korrespondenz zwischen einem postmodernen Selbstbild der Männer mit einer gleichgestellten Haushaltsarbeit: Mit Blick auf die Tabelle oben können wir sehen, dass bei postmodern-flexiblen Männern die gleichgestellte Arbeitsteilung bei der Hausarbeit stark überrepräsentiert ist und hier im Vergleich zu den anderen Typen den höchsten Wert aufweist.
Fazit
Der zentrale Befund der Studie lautet: Es gibt ihn nicht, »den Mann«. Die Untersuchung veranschaulicht vielmehr ein weites Feld gegensätzlicher, bisweilen antagonistischer Haltungen von Männern. Dieses reicht von Verhaftung in traditionellen Männlichkeitsentwürfen über »Emanzipation in kleinen Dosen« bis hin zur Selbstverständlichkeit flexibler Geschlechterrollen.
Männer sind einerseits am Thema Gleichstellung interessiert und sympathisieren mit Chiffren des »neuen Mannes« stärker als mit klassischen Attributen von Männlichkeit. Andererseits zeigt sich auf der konkreten Verhaltensebene, dass Männer mehrheitlich an klassischen Rollenteilungen festhalten. Die Gründe hierfür sind offensichtlich nicht ausschließlich in der Einstellung von Männern zu suchen, vielmehr ist der Diskurs um die Einstellung der Männer nicht losgelöst von folgenden Aspekten zu betrachten:
- a) Es sind strukturelle Barrieren in den Blick zu nehmen, die vor allem im Arbeitsmarkt lokalisiert sind.
- b) Männer kennen kaum konkrete positive Leitbilder vom »neuen Mann«, an denen sie sich orientieren können.
- c) Auch Frauen reproduzieren das traditionelle Rollenbild vom starken Mann, dem sie die optionslose Rolle des Haupternährers zuschreiben, während sie selbst die Option haben, berufstätig zu sein oder Hausfrau oder beides. Das Selbstverständnis vieler Frauen als Zugverdienerin ist ein Spiegel und Katalysator einer traditionellen Rollenpraxis in der Partnerschaft.
Marc Calmbach,
Carsten Wippermann,
Katja Wippermann
Fußnoten
1 »Ein neuer Begriff muss gefunden werden für Frauen, die neue Wege zwischen Feminismus und Karriere gehen. Es geht um ›Klasse-Frauen‹. Warum den Spieß also nicht umdrehen, warum aus dem lax Dahergesagten nicht einen Begriff machen?«, so Thea Dorn in der Vorbemerkung zu ihrem Buch, d. Red.
2 Die methodische Anlage kann hier nur in aller Kürze skizziert werden:
Die sozialwissenschaftliche Rekonstruktion der Rollenbilder bzw. Selbst-Entwürfe erfolgte zunächst über umfangreiche qualitative Einzelexplorationen und Gruppenwerkstätten mit Männern sowie anschließend quantitativ im Rahmen einer standardisierten Repräsentativbefragung, in der Männer (u.a.) gefragt wurden, welche Eigenschaften sie an Männern sympathisch finden. Diese Gender-Sympathie hat die Funktion eines Indikators für die Geschlechtsidentität (wohl wissend, dass die Geschlechtsidentität damit nicht erschöpfend erfasst ist, dennoch aber wichtige Hinweise auf das Rollenbild liefert). Die empirische Analyse von Verhaltensmustern fokussierte die Erledigung von Aufgaben im Haushalt. Männer wurden dahin gehend gruppiert, ob und welche Aufgaben sie im Haushalt erledigen. Sowohl bei der Untersuchung der Geschlechtsidentität als auch des Verhaltens konnten über Clusteranalysen jeweils vier Basistypen identifiziert werden. Die repräsentativen Stichproben wurden bundesweit nach dem ADM-Mastersample gezogen. Grundgesamtheit war die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren in Privathaushalten.
Literatur
Allmendinger, Jutta (2009): Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen. Die Brigitte Studie. München: Pantheon
Dorn, Thea (2006): Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird. München: Piper
Wippermann, Carsten/Calmbach, Marc/Wippermann, Katja (erscheint Oktober 2009): Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern. Opladen: Verlag Barbara Budrich
Autoren
Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.
Im Angebot suchen