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Schwangere Frauen ab 35. Eine Zielgruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf?

Heute ist fast jede vierte Frau, die ein Kind bekommt, älter als 34 Jahre. Eine Sekundärauswertung der Studie »Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik« der BZgA gibt Aufschluss über soziale Lage, Familiensituation, Befindlichkeiten und vor allem über Informations-, Beratungs- und Unterstützungsbedarf spätgebärender Frauen.

Als »Spätgebärende« wird eine Frau bezeichnet, die ab einem Alter von 35 Jahren (erneut) Mutter wird. Seit Beginn der 1990er-Jahre nimmt die »späte« Mutterschaft kontinuierlich zu. Im Jahr 1991 waren 9,6% aller Frauen, die ein Kind bekamen, älter als 34 Jahre. Innerhalb von nur neun Jahren verdoppelte sich dieser Anteil nahezu: Er betrug 18,1% im Jahr 2000 und stieg bis 2006 nochmals auf fast ein Viertel aller Gebärenden (23,8%).¹ Es kann also eine starke Verlagerung von Familiengründungs- und Familienerweiterungsprozessen ins mittlere Lebensalter beobachtet werden.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) entwickelt Medien und Maßnahmen, um Zielgruppen mit erhöhtem Informationsbedarf zu unterstützen. So gibt es seit Juni 2008 ein Online-Angebot, das speziell sehr junge Schwangere unter 20 Jahren anspricht (www. schwanger-unter-20.de; s.a. INFOTHEK), da diese aufgrund ihres Alters oftmals einen besonderen Informations- und Hilfebedarf haben. Inwieweit trifft das auch für die schnell wachsende Gruppe älterer Schwangerer zu? Gibt es Themen, die vor allem oder sogar ausschließlich Spätgebärende interessieren? In welchen Hinsichten unterscheidet sich ihre Lebenslage von der Lage jüngerer Frauen, und ergeben sich daraus spezifische Problematiken? Um einzuschätzen, ob es einen Bedarf für die gezielte Ansprache schwangerer Frauen ab 35 gibt, hat die BZgA eine Sekundäranalyse des Datensatzes »Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik« (BZgA 2006) beauftragt.

Die späte Schwangerschaft wurde bisher insbesondere aus gynäkologischer Perspektive diskutiert. Deshalb werden wir zunächst sehr knapp den Stand unserer Vorüberlegungen zum besonderen Informations- und Unterstützungsbedarf von Spätgebärenden unter zwei medizinischen Gesichtspunkten zusammenfassen: dem Gesundheitszustand der Schwangeren und der Wahrscheinlichkeit einer Beeinträchtigung des Ungeborenen. Es folgt im zweiten Schritt eine kurze Beschreibung von Datenerhebung und Stichprobe der zugrunde liegenden BZgA-Studie »Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik«. Anschließend werden wir ausgewählte Ergebnisse der Sekundäranalyse zur allgemeinen Lebenssituation, zum Schwangerschaftserleben und zum Unterstützungsbedarf der Spätgebärenden – im Vergleich zu jüngeren Frauen – vorstellen.

Stand der Vorüberlegungen – medizinische Perspektive

Worin unterscheiden sich jüngere und ältere Schwangere hinsichtlich ihres Gesundheitszustands? In der Gynäkologie gelten Frauen ab 35 als Risikoschwangere. Nach Ergebnissen der hessischen Perinatalerhebung weisen insbesondere Frauen ab 40 ein höheres Risiko für Schwangerschaftskomplikationen (z.B. Schwangerschaftsdiabetes) auf (Kullmer 2000, S. 572). Dennoch wird die Frage »Die alte Erstgebärende – ein Risiko?« (so der Titel eines Artikels in der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde) nicht einheitlich beantwortet. Die Autoren dieser Publikation fanden nach einer Auswertung der bayerischen Perinatalerhebung von 2006 zwar einige Risikounterschiede zwischen den Schwangeren bis zu 24 Jahren und den 40- bis 44-Jährigen, zusammenfassend resümieren sie jedoch: »Das zunehmende Alter der Erstgebärenden sollte (…) als Risikofaktor nach den hier dargelegten Daten nicht überbewertet werden.« (Pohl 2006, S. 67)

Haben ältere Schwangere einen höheren Beratungsbedarf zum Thema Pränataldiagnostik (PND)? Die Wahrscheinlichkeit einer Chromosomenstörung beim Ungeborenen (Downsyndrom) steigt mit zunehmendem Alter der Mutter. Diesem Tatbestand wird in den Mutterschaftsrichtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (2003) Rechnung getragen, indem für diese Altersgruppe zusätzlich zu den drei zur normalen Mutterschaftsvorsorge gehörenden Ultraschall–Screenings weitere pränataldiagnostische Untersuchungen des Föten empfohlen werden. Unsere Ergebnisse zur Inanspruchnahme von PND zeigen deutlich, dass invasive Verfahren zur Identifikation von Chromosomenanomalien häufiger von Schwangeren ab 35 in Anspruch genommen werden (Renner 2007, S. 8). Dies gilt jedoch nicht für die nicht-invasiven Verfahren, die ebenfalls zur Entdeckung von Chromosomenanomalien eingesetzt werden (Ersttrimester-Test, Triple Test²): Diese Untersuchungen lassen jüngere Schwangere eher durchführen als Frauen über 34 Jahre. Schwangere werden heute also unabhängig von ihrem Altersrisiko mit PND zur Identifikation von Chromosomenanomalien konfrontiert. Entsprechend haben Frauen jeden Alters einen hohen Informationsbedarf bei der Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes diagnostisches Verfahren.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Alter der Schwangeren das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen nur leicht erhöht. Das Alter spielt heute auch – obwohl es die Wahrscheinlichkeit einer Chromosomenanomalie beim Ungeborenen stark erhöht – kaum noch eine Rolle bei der Entscheidung der Frauen, ob PND in Anspruch genommen wird oder nicht. Da ältere Frauen sich weder hinsichtlich des Risikos für Schwangerschaftskomplikationen noch hinsichtlich des Beratungsbedarfs zu PND stark von den jüngeren Schwangeren unterscheiden, scheint aus medizinischer Sicht die Entwicklung eines speziellen Medienangebots für Spätgebärende nicht unbedingt notwendig zu sein. Beratungs- und Informationsbedarf ergibt sich aber nicht nur aus medizinischen Risikolagen, sondern auch aus besonderen Lebensumständen und Problemlagen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Schwangere ab 35 – ähnlich wie die sehr jungen Schwangeren unter 20 – sich jenseits der medizinischen Überlegungen in einer besonderen Lebenslage befinden, die einen höheren Informations- und Unterstützungsbedarf impliziert.

Datensatz »Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik«

Grundlegend für die Medien- und Maßnahmenentwicklung der BZgA sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die aus Expertisen, wissenschaftlichen Studien und Evaluationen gewonnen werden. Um mehr über den Informationsstand der Schwangeren, über ihre Lebenslage und ihre Einstellungen zu erfahren, hatte die BZgA eine repräsentative Befragung Schwangerer beauftragt (BZgA 2006). Bei turnusmäßigen Befragungen von 30 000 Haushalten wurde 2003 und 2004 in drei Wellen eine Screening-Frage nach schwangeren Haushaltsmitgliedern gestellt.³ In ca. 2% der Haushalte befand sich eine Schwangere, die auch den voraussichtlichen Geburtstermin angeben konnte. Diese Frauen wurden zwischen Januar und Oktober 2004 gezielt ab der 20. Schwangerschaftswoche angeschrieben und um die Beantwortung eines umfangreichen Fragebogens gebeten. Die Antwortbereitschaft war sehr groß. 791 rücklaufende Fragebogen wurden insgesamt ausgewertet. Davon stammen 559 von Schwangeren in der 20. bis 40. Schwangerschaftswoche und 38 von Schwangeren in der 13. bis 19. Schwangerschaftswoche.[4] Diese Stichprobe ist hinsichtlich mehrerer Kriterien repräsentativ für die Gesamtheit der Schwangeren in Deutschland, zum Beispiel hinsichtlich der Region, in der sie leben, des Alters, des Anteils der Erst- und Mehrgebärenden und des Anteils der berufstätigen Frauen. Feststellen lässt sich jedoch ein Mittelschichtbias: Frauen, die schlechter ausgebildet sind, haben den Fragebogen seltener beantwortet. Nicht berücksichtigt wurden in dieser Untersuchung Migrantinnen.

Das Forschungsinstitut SoFFI F. (Freiburg) hat im Auftrag der BZgA diesen Datensatz einer Sekundäranalyse unterzogen. Ziel der Analyse war die Ermittlung besonderer Lebensumstände und Unterstützungsbedarfe der älteren Schwangeren. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse wird eine Entscheidung für oder gegen ein gesondertes Medienangebot für Spätgebärende getroffen.

Ergebnisse der Sekundäranalyse

Mit der Analyse des Datensatzes sollen folgende Fragen beantwortet werden: Ist die allgemeine soziale Lage der Spätgebärenden – indiziert durch Bildung und Einkommen – im Vergleich zu den anderen Schwangeren eher günstig oder ungünstig? In welcher Partnerschafts- und Familiensituation werden ältere Frauen schwanger? Sind ihnen (altersbedingte) gesundheitliche Risiken eher bewusst? Erleben ältere Schwangere mehr typische Beschwerden und fühlen sie sich dadurch besonders belastet? Und vor allem interessiert uns, ob die Spätgebärenden einen besonderen Informations- und Unterstützungsbedarf haben.

Bildung und Einkommen

Der Anteil von Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen ist bei den Schwangeren ab 35 signifikant höher als in den drei jüngeren Alterskohorten. So haben 38,8% der Spätgebärenden Abitur, im Vergleich zu 16,1% der 18- bis 24-jährigen Frauen.[5] (Tab. 1)

Schulbildung (in % der Befragten)
Tab. 1: Schulbildung (in % der Befragten)

Um das Bildungsniveau adäquat zu beschreiben, wurde neben dem Schulabschluss auch der Ausbildungsabschluss berücksichtigt. Entsprechend den soziodemografischen Standards von Jöckel et al. (1998) haben wir den Schulabschluss mit dem Ausbildungsabschluss zu einem Bildungsindikator kombiniert. Die verschiedenen Kombinationen von Schul- und Ausbildungsabschlüssen erhielten Punktwerte zwischen 1 und 8, die zu vier Bildungsgruppen zusammengefasst wurden. (Tab. 2)

Bildungsniveau aus Schul- und Berufsausbildung (in % der Befragten)
Tab. 2: Bildungsniveau aus Schul- und Berufsausbildung (in % der Befragten)

Auch unter Berücksichtigung des Ausbildungsabschlusses steigt mit zunehmendem Alter das Bildungsniveau der Schwangeren. Die werdenden Mütter ab 35 Jahren haben ein signifikant höheres Bildungsniveau als die in den drei jüngeren Altersgruppen.

Ein hoher Anteil der älteren Schwangeren lebt in finanziell gut abgesicherten Verhältnissen: Während 42,9% der 18- bis 24-jährigen Schwangeren mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1500 Euro leben, verfügen 43,1% der Spätgebärenden über Einkommen von mehr als 2500 Euro. Die jüngste Gruppe unterscheidet sich mit ihrem geringen Einkommen signifikant von den drei älteren Gruppen. (Tab. 3)

Monatliches Nettoeinkommen des Haushaltes (in % der Befragten)
Tab. 3: Monatliches Nettoeinkommen des Haushaltes
(in % der Befragten)

Hinsichtlich ihres Bildungsniveaus und ihrer finanziellen Situation befinden sich die Spätgebärenden in einer – verglichen mit jungen Schwangeren – sehr günstigen Lage. Neben Bildung und Einkommen spielt für die Familiengründung und Erweiterung auch die familiäre Situation eine große Rolle. Inwieweit unterscheidet sich die Partnerschafts- und Familiensituation der Schwangeren verschiedener Altersgruppen?

Partnerschaft und Familiensituation

Die Mehrzahl aller Schwangeren ist verheiratet (70%), ein Viertel ist ledig, der Anteil der Verwitweten und Geschiedenen ist sehr gering (4,5%). Zwischen den Altersgruppen gibt es signifikante Unterschiede. So steigt mit zunehmendem Alter der Anteil der verheirateten, aber auch der verwitweten oder geschiedenen Schwangeren an.

Da die Eheschließung der Familiengründung heute nicht mehr zwingend vorausgeht, ist der Familienstand für die Einschätzung der Partnerschaftssituation nicht mehr sehr aussagekräftig. Wichtig ist aber, ob die Eltern des Kindes zum Zeitpunkt der Familiengründung oder -erweiterung zusammenleben.

Die überwiegende Mehrheit der Frauen lebt zum Zeitpunkt der Schwangerschaft mit dem Partner zusammen. Eine Sonderstellung nimmt die jüngste Altersgruppe ein, die sich signifikant von den drei anderen Gruppen unterscheidet: 18- bis 24-jährige Schwangere wohnen seltener mit ihrem Partner zusammen als ältere, entsprechend ist der Anteil von Frauen, deren Partner an einem anderen Ort lebt, bei ihnen am höchsten. Jede zehnte Schwangere der jüngsten Gruppe hat keine Partnerbeziehung.[6] (Tab. 4)

Zusammenleben mit dem Partner (in % der Befragten)
Tab. 4: Zusammenleben mit dem Partner
(in % der Befragten)

Die älteren Frauen werden überwiegend in bewährten, bereits länger andauernden Partnerschaften schwanger: Über zwei Drittel der Schwangeren ab 30 geben an, dass sie mit dem Vater des Kindes seit sechs oder mehr Jahren zusammen sind.

Der Altersabstand zwischen werdender Mutter und werdendem Vater spielt eine Rolle für die Partnerschafts- und Familiensituation. Die jüngste Gruppe hat am häufigsten einen älteren Partner, die älteste Gruppe am seltensten. Mit zunehmendem Alter nimmt die Zahl der Schwangeren mit gleichaltrigem oder mit jüngerem Partner zu. Dieses Ergebnis entspricht den in der Studie »frauen leben« ermittelten Mustern (s. BZgA 2002, S. 125). (Tab. 5)

Altersabstand zum Vater des Kindes (in % der Befragten)
Tab. 5: Altersabstand zum Vater des Kindes (in % der Befragten)

Altersunabhängig beurteilen die meisten Schwangeren ihre Partnerschaft als gut oder sehr gut. So geben differenziert nach drei Altersgruppen (18–24 J.; 25–34 J.; >35 J.) jeweils über 90% der Befragten an, dass sie im Großen und Ganzen mit ihrer Partnerschaft zufrieden sind. 90% der 18- bis 24-Jährigen und 95% der über 24-Jährigen haben das Gefühl, dass der Partner meist voll hinter ihnen steht.

Einen signifikanten Unterschied gibt es jedoch hinsichtlich des schwangerschaftsbezogenen Engagements der werdenden Väter: Je älter die erstgebärende Schwangere, desto stärker beteiligt sich aus ihrer Sicht der Partner an Aktivitäten, die das gemeinsame Kind betreffen, zum Beispiel Namensfindung, Vorsorgeuntersuchung oder Geburtsvorbereitung[7]. (Abb. 1)

Engagement des Partners bei Erstgebärenden nach Altersgruppen (in % der Befragten)
Abb.1: Engagement des Partners bei Erstgebärenden nach Altersgruppen (in % der Befragten)

Ein weiterer sehr wichtiger Faktor, der den Informations- und Unterstützungsbedarf werdender Eltern bestimmt, ist die Parität (Tab. 6). 52,1% der befragten Frauen sind Erstgebärende, 47,9% Mehrgebärende.[8] Wie zu erwarten, steigt mit zunehmendem Alter der Anteil der Mehrgebärenden. Vier Fünftel der 18- bis 24-Jährigen bekommen ihr erstes Kind. Dies ist nur bei einem Viertel der über 34-Jährigen der Fall. Die Gruppe der über 39-Jährigen, die in der folgenden Tabelle nicht gesondert ausgewiesen wird, enthält nur fünf Erstgebärende.

Parität (in % der Befragten)
Tab.6: Parität (in % der Befragten)

Gesundheitliche Risiken und Erkrankungen während der Schwangerschaft (in % der Befragten)
Tab.7: Gesundheitliche Risiken und Erkrankungen während der Schwangerschaft (in % der Befragten)

Bei vielen Frauen, die in höherem Alter schwanger sind, wird das Baby in eine gut erprobte Mehrkindfamilie hineingeboren: 2% der Schwangeren in der jüngsten Gruppe, 6% der 25- bis 29-Jährigen, 14% der 30- bis 34-Jährigen und 35% der über 34-Jährigen erwarten ihr drittes oder viertes Kind.

Was für die allgemeine soziale Lage – gemessen an Bildung und Einkommen – gilt, kann auch für die Partnerschafts- und Familiensituation der älteren Schwangeren festgestellt werden: Sie ist besonders günstig, um ein (weiteres) Kind zu bekommen. Spätgebärende leben überwiegend in stabilen Partnerschaften. Sie leben mit dem Partner dauerhaft zusammen und beurteilen die Partnerschaftsqualität als gut oder sehr gut. Insbesondere beim ersten Kind zeigen die Partner der älteren Schwangeren den Angaben der Frauen zufolge ein hohes Engagement: Durch die Begleitung zur Schwangerenvorsorge und Geburtsvorbereitung oder die Lektüre von Ratgebern fühlen sich die werdenden Mütter unterstützt. Drei Viertel der Schwangeren haben bereits mindestens ein Kind. Diese Frauen verfügen über viel Erfahrung, um die Herausforderungen, die mit der Geburt eines weiteren Kindes verbunden sind, gut zu bewältigen.

Gesundheitliche Risiken und Schwangerschaftsbeschwerden

Ist die späte Schwangerschaft überschattet von gesundheitlichen Risiken? Sind Schwangere ab 35 nach eigener Einschätzung stärker von den typischen Schwangerschaftsbeschwerden betroffen, und inwieweit ist das Erleben der Schwangerschaft davon beeinträchtigt?

Bei allen Altersgruppen hatte der weitaus überwiegende Teil der Frauen nach eigenen Angaben bisher keine gesundheitlichen Risiken im Schwangerschaftsverlauf. Von den jüngsten Frauen (18–24 J.) geben zwar besonders wenige an, dass bei ihnen gesundheitliche Risiken festgestellt wurden, der Unterschied zu den anderen Altersgruppen ist jedoch nicht signifikant. Differenziert man weiter nach 35- bis 39-Jährigen und über 39-Jährigen, kann auch für die älteste Gruppe kein signifikant höherer Anteil hinsichtlich der Risiken oder beispielsweise einer verordneten Bettruhe festgestellt werden.

Die Prävalenz[10] von 26 typischen Schwangerschaftsbeschwerden wurde bereits ausführlich beschrieben (BZgA 2006). Inwieweit gibt es altersabhängige Unterschiede in der Prävalenz von Beschwerden und in der subjektiv wahrgenommenen Belastung durch diese Beschwerden?

Oft auftretende Befindlichkeitsstörungen und Beschwerden nennen die Frauen aller Altersgruppen nahezu gleich häufig. So sind über 90% der 18- bis 24-Jährigen, der 25- bis 34-Jährigen und der über 34-Jährigen manchmal oder häufig müde. Jeweils über 70% jeder Altersgruppe geben Erschöpfung oder Kreuz- und Rückenschmerzen an und jeweils über 60% nennen Nervosität/Reizbarkeit, Schlafstörungen und Sodbrennen. Bei vier Beschwerden bestehen signifikante, bei zwei weiteren tendenzielle altersabhängige Unterschiede.

Auffallend ist, dass die jüngste Altersgruppe bei affektiven Beschwerden eine deutlich höhere Prävalenz aufweist als die älteste: 45% der 18- bis 24-Jährigen berichten über Niedergeschlagenheit und 40% haben Angstgefühle.

Auch Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Hautausschlag nennen die Schwangeren bis zum Alter von 24 Jahren signifikant häufiger als die älteren Frauen. Die Gruppe der über 34-Jährigen hat bei diesen Beschwerden die geringste Prävalenz. Dagegen leiden Frauen ab 35 signifikant häufiger als die Jüngeren unter Krampfadern und Hämorrhoiden. (Abb. 2)

Beschwerden nach Altersgruppe (in % der Befragten mit Angabe »häufig« oder »manchmal«)
Abb.2: Beschwerden nach Altersgruppe (in % der Befragten mit Angabe »häufig« oder »manchmal«)

Da Schwangere sich in der Empfindlichkeit gegenüber Beschwerden stark voneinander unterscheiden, wurde im Anschluss an die Erhebung der Beschwerden danach gefragt, wie diese erlebt werden (Abb. 3). Bei zehn Beschwerden machte eine so geringe Zahl von Frauen Angaben, dass altersspezifische Zusammenhänge nicht statistisch analysiert werden konnten. Statistisch signifikante beziehungsweise tendenzielle Unterschiede in der Belastung zwischen den Altersgruppen zeigen sich bei Rückenschmerz, Schlafstörung, Wadenkrämpfe, Nervosität und Schwindel.

Starke Belastung durch Beschwerden (in % der Angabe »belastet sehr“)
Abb.3: Starke Belastung durch Beschwerden (in % der Angabe »belastet sehr“)

Bei sieben weiteren Beschwerden[11] zeigt sich die gleiche, wenn auch nicht signifikante Tendenz: Die über 34-Jährigen fühlen sich in geringerem Umfang belastet als die beiden jüngeren Gruppen.[12]

Die Ergebnisse legen nahe, dass Schwangere ab 35 Jahren mit den typischen Schwangerschaftsbeschwerden gelassener umgehen als jüngere Frauen.

Die Daten geben keinen Hinweis auf eine höhere Prävalenz von gesundheitlichen Risiken in der Schwangerschaft bei Spätgebärenden beziehungsweise keinen Hinweis auf ein ausgeprägteres Risikobewusstsein.[13] Auch typische Schwangerschaftsbeschwerden treten in der ältesten Gruppe nicht durchgehend häufiger auf und werden zudem als weniger belastend erlebt.

Die Spätgebärenden sind hinsichtlich Bildung und Einkommen, der Partnerschafts- und Familiensituation sowie den gesundheitlichen Risiken und Beschwerden im Vergleich zu jüngeren Schwangeren in einer eher günstigen Lage. Dementsprechend ist bei ihnen weniger Informations- und Unterstützungsbedarf zu erwarten.

Hilfe- und Unterstützungsbedarf

Anhand von 12 Items (Einzelangaben) gaben die Frauen an, welche Art von Hilfe und Unterstützung sie sich in welchem Umfang wünschen und ob sie die benötigte Hilfe erhalten. Um zu ermitteln, inwieweit Spätgebärende einen speziellen Bedarf haben, haben wir die Unterstützungswünsche nach Altersgruppen differenziert ausgewertet.

Bei allen Items formuliert die jüngste Altersgruppe den höchsten Hilfe- und Unterstützungsbedarf. Bei zehn Hilfearten nimmt der Anteil der Frauen, die sich die jeweilige Unterstützung wünschen, über die drei Altersgruppen stark und kontinuierlich ab. Die Spätgebärenden äußern hier jeweils den geringsten Hilfebedarf.[14]

 Hilfebedarf nach Altersgruppen (Angabe in % der Befragten, die sich die jeweilige Hilfe sehr oder ziemlich wünschen) Tab.8 Hilfebedarf nach Altersgruppen (Angabe in % der Befragten, die sich die jeweilige Hilfe sehr oder ziemlich wünschen)
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Hilfebedarfe, bei denen sehr starke Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Frauen ermittelt wurden, stehen in Tabelle 8 an den oberen Positionen. Diese Unterstützungswünsche können zwei Kategorien zugeordnet werden: zum einen dem Bedarf nach materieller Unterstützung, zum anderen dem Wunsch nach Beratung und Austausch. So wünschen sich 52,7% der Frauen in der jüngsten Altersgruppe »finanzielle und materielle Unterstützung«, aber nur 21,2% der über 34-Jährigen. Ähnlich gravierende Unterschiede zwischen den Altersgruppen gibt es bei den Wünschen nach einer »Möglichkeit, persönliche Angelegenheiten zu besprechen«, nach »Ratschlägen bei Fragen, die den künftigen Säugling betreffen«, nach »Ratschlägen, Informationen bei praktischen Dingen« oder nach »Unterstützung bei Streit und Konflikten«.

Gefragt wurde auch, in welchem Umfang die Frauen die Hilfe, die sie nach eigenen Aussagen benötigen, auch tatsächlich erhalten. Bei der Mehrzahl der Befragten entspricht bei allen Hilfearten die erhaltene Unterstützung dem Bedarf oder liegt sogar darüber.

Die 18- bis 24-Jährigen sind jedoch häufiger als die Älteren in der Gruppe, die weniger Unterstützung erhält als sie benötigt. Signifikant sind die Unterschiede zum Beispiel bei der »Möglichkeit, persönliche Angelegenheiten zu besprechen«, die bei 30,6% der 18- bis 24-Jährigen nicht gegeben ist – gegenüber 12,7% der 25- bis 34-Jährigen und 11,8% der über 34-Jährigen. Signifikant weniger Unterstützung als benötigt erhält die jüngste Gruppe auch bei Ratschlägen und Informationen bei praktischen Dingen (30,6% versus 19,0% der 25- bis 34-Jährigen und 10,9% der >35-Jährigen) und bei finanziellen oder materiellen Zuwendungen, deren Bedarf bei 40,0% der 18- bis 24-Jährigen, bei 21,7% der 25- bis 34-Jährigen und bei 24,0% der über 34-Jährigen nicht gedeckt wird.

Die älteren Schwangeren haben also nicht nur in allen Bereichen einen niedrigeren Unterstützungsbedarf als die jüngeren, sie sind auch die Gruppe, deren Bedarf an Unterstützung, falls sie überhaupt Bedarf formulieren, am besten befriedigt wird.[15]

Ausblick

Familiengründungs- und -erweiterungsprozesse verlagern sich immer stärker in das mittlere Lebensalter von Frauen und Männern. Inzwischen ist fast jede vierte Schwangere älter als 34 Jahre. Obwohl diese Altersgruppe damit unter den Schwangeren sehr viel stärker vertreten ist als zum Beispiel die unter 20-Jährigen, kann kein dringender Bedarf für eine speziell auf Spätgebärende zugeschnittene Informationskampagne festgestellt werden. Aus medizinischer Sicht ist das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen bei älteren Frauen nur leicht erhöht, und pränataldiagnostische Untersuchungen nehmen nicht nur die Schwangeren ab 35, sondern zunehmend auch jüngere Frauen in Anspruch. Auch aus der Analyse der Lebensumstände von Schwangeren ab 35 ergibt sich kein gesonderter Informations- und Beratungsbedarf: Spätgebärende verfügen über ein höheres Bildungsniveau und ein höheres Einkommen, sie leben in stabilen, dauerhaften Partnerschaften und sind durch den hohen Anteil von Mehrgebärenden bereits erfahren im Umgang mit Schwangerschaft, Geburt und Familienleben. Gesundheitliche Risiken werden von Frauen ab 35 nicht häufiger wahrgenommen als von jüngeren Schwangeren. Die typischen Schwangerschaftsbeschwerden werden als weniger belastend erlebt. Insgesamt wird dementsprechend von Spätgebärenden seltener Hilfe- und Unterstützungsbedarf formuliert.  

Fußnoten


1 schriftliche Mitteilung des Statistischen Bundesamtes am 9.11.2007:  VI A – Natürliche Bevölkerungsbewegung Tabellenblatt 3.7; eigene Berechnungen

2 Die Daten wurden 2004 erhoben. Der Triple Test wurde damals noch deutlich häufiger zur Identifikation des Downsyndroms eingesetzt als heute.

3 Die Studie wurde durchgeführt von TNS Healthcare. Die Haushalte sind Mitglieder des TNS ACCESS Panels. Ein Access Panel besteht aus einem Pool von Adressen befragungsbereiter Haushalte. Die Adressen sind  über alle Gemeinden der Bundesrepublik gestreut und sind somit regional repräsentativ.

4 Die Stichprobe in der vorliegenden Auswertung unterscheidet sich von  den Stichproben, die anderen Ergebnisdarstellungen zugrunde liegen  (z.B. Renner 2005 und 2007). Um statistisch valide Aussagen in der geplanten Mehrfaktorenanalyse zu erzielen, wurde die Stichprobe um die Daten von Frauen in der 13. bis 19. Schwangerschaftswoche erweitert.

5 Die hohen Anteile gut ausgebildeter Frauen sind nicht repräsentativ für  die Schwangeren in der BRD, da die Frauen der Mittelschicht im Datensatz insgesamt überrepräsentiert sind (siehe oben). Ein Vergleich der Anteile von Abiturientinnen in den unterschiedlichen Altersgruppen zeigt jedoch verlässliche Tendenzen, da in allen Altersgruppen gut ausgebildete Frauen gleichermaßen überrepräsentiert sind.

6 Nach den Daten der baden-württembergischen Geburtshilfestatistik des Jahres 2006 hatten 10,4% aller Gebärenden keinen festen Partner (GeQiK 2006, S. 11, eigene Berechnung). Die Ergebnisse dieser Sekundäranalyse weisen darauf hin, dass die partnerlosen überwiegend junge Frauen sind.

7 Wir vergleichen nur das Engagement der Väter von erstgebärenden Frauen verschiedener Altersgruppen. Ansonsten wäre das Ergebnis verzerrt, da – wie aus der Studie hervorgeht – Männer, die zum ersten Mal Vater werden, ein deutlich höheres schwangerschaftsbezogenes Engagement zeigen als bei der zweiten oder dritten Schwangerschaft ihrer Partnerin und es unter den älteren Frauen einen sehr hohen Anteil an Mehrgebärenden gibt.

8 Die Verteilung der Parität entspricht in etwa den Daten der Bayerischen Perinatalerhebung, nach der jeweils die Hälfte der 2005 in Bayern entbundenen Frauen Erst- bzw. Mehrgebärende waren (BAQ 2005).

9 Die Kategorie »Bettruhe wg. drohender Früh- oder Fehlgeburt und andere Erkrankungen«, die nur 11 Befragte enthält, wurde zur Kategorie »Bettruhe wg. drohender Fehl- oder Frühgeburt« addiert.

10 Die Prävalenz oder Krankheitshäufigkeit ist eine Kennzahl der Epidemiologie, die aussagt, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe an einer bestimmten Krankheit oder bestimmten Beschwerden leiden (d. Red.).

11 Es handelt sich hier um Verstopfung, Erbrechen, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Übelkeit.

12 Sodbrennen, Angstgefühle und Atembeschwerden belasten die 25- bis 34-Jährigen weniger als die über 34-Jährigen, wobei hier ebenfalls die jüngste Gruppe am häufigsten Belastungen angibt. Erschöpfung ist die einzige Beschwerde, von der sich die älteste Gruppe mit 26% am häufigsten belastet fühlt (18–24-Jährige: 17%; 25–34-Jährige: 22%).

13 Da die Schwangeren selbst befragt wurden, kann nicht entschieden werden, ob die älteste Kohorte tatsächlich keinen signifikant höheren Anteil an Frauen mit gesundheitlichen Risiken aufweist, oder ob die gesundheitlichen Risiken den Frauen nicht bewusst oder bekannt sind.

14 Bei kurzfristiger Hilfe in dringenden Fällen und bei Unterstützung bei Streit und Konflikten liegt der Bedarf der Frauen ab 35 leicht über dem der 25- bis 34-Jährigen. Auch hier äußert die jüngste Gruppe den höchsten Bedarf.

15 Dieses Ergebnis entspricht den bereits dargestellten schichtspezifischen Unterschieden des Hilfebedarfs (BZgA 2006, S. 23), da die jüngeren Frauen das niedrigste Bildungsniveau haben und am häufigsten unteren Sozialschichten angehören.

Literatur


BAQ – Bayerische Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung  in der stationären Versorgung (2005): Geburtshilfe – Jahresauswertung 2005. Modul 16/1

Bundesausschusss der Ärzte und Krankenkassen (2003): Mutterschaftsrichtlinien (Fassung vom 10. Dezember 1985, zuletzt geändert am 24. März 2003)

BZgA (Hrsg.) (2006): Schwangerschaftserleben und Pränataldiagnostik. Repräsentative Befragung Schwangerer zum Thema Pränataldiagnostik 1. Aufl. Köln

BZgA (Hrsg.) (2002): frauen leben. Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung. Köln

GeQiK – Geschäftsstelle Qualitätssicherung im Krankenhaus (2006): Jahresauswertung 2006, Modul 16/1 Geburtshilfe, Gesamtstatistik Baden-Württemberg. Stuttgart 2006

Jöckel, K.-H./Babitsch, B./Bellach, B.-M. et al. (1998): Messung und Quantifizierung soziodemographischer Merkmale in epidemiologischen Studien. In: Ahrens, W./Bellach B.-M./Jöckel, K.-H. (1998): Messung soziodemographischer Merkmale in der Epidemiologie. RKI Schriften 1/98.  Medizin Verlag, München. 1998, S. 7–38

Kullmer, U. et al. (2000): Pregnancies in Primiparous Women 35 or Older: Still Risk Pregnancies? In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2000; 60:  S. 569–575.

Pohl, K. et al. (2006): Die alte Erstgebärende – ein Risiko? In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2006, S. 67

Renner, I. (2007): Pränataldiagnostik: eine repräsentative Befragung Schwangerer. In: BZgA Forum Sexualaufklärung und Familienplanung. 1/2007, S. 7–13

Renner, I. (2005): Schwangerschaftserleben. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der BZgA 2004. In: BZgA Forum Sexualaufklärung und Familienplanung. 2/2005, S. 17–22

Autoren

Ilona Renner
Ilona Renner ist Soziologin. Seit 1999 arbeitet sie in der Abteilung „Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung“ der BZgA als Referentin für Forschung und Evaluation.mehr

Anneliese Hendel-Kramer
Anneliese Hendel-Kramer M.A. ist Soziologin und seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstitut (SoFFI K.).mehr

Alle Links und Autorenangaben beziehen sich auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Druckausgabe und werden nicht aktualisiert.

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